Wie du deine Erschöpfung in den Griff bekommst

​In meiner Kindheit hieß es immer, schau, dass es anderen gut geht.

Bescheiden, brav, akkurat, leise - das waren die weiblichen Attribute, die erwünscht waren. 

Ich passte vorne und hinten nicht in dieses Raster.

Eigentlich passe ich bis heute in gar keine Schablone rein. Nur, heute ist es mir ​nicht mehr so wichtig.

Damals wollte ich gefallen. Ich wollte, dass die Eltern, Lehrer, Nachbarn... alle mit mir zufrieden waren. 

Dieses Denken ist auf den ​ersten Blick in Ordnung. ​

Aber wie es meiner Natur entspricht, trieb ich ​es ins Extreme.

Jahrelang konnte ich mich nicht ausruhen. Ich leistete und diente. Bis zur Erschöpfung. Erst recht als unser Großer auf die Welt kam und meine Welt mächtig durcheinander brachte.

Er hatte heftige Neurodermitis. Weinte nächtelang und musste mit Cortison eingecremt oder sachte gekratzt werden. 

Für mich etwas tun? ​Das ist purer Egoismus!

Eine Beraterin für Hauterkrankungen bei der AOK fragte mich: "Fr. Erdmann, was tun Sie für sich in dieser Phase? Sie sehen so erschöpft aus."

Das fand ich ungeheuerlich.

Wie konnte ich etwas für mich tun, wenn es meinem Kind so dreckig ging? Das ​war ja purer Egoismus!

Ich kann doch nicht an mich denken, doch nicht jetzt, dachte ich.

Und so ging es dann weiter.

Tun und leisten bis zur Erschöpfung


Mit dem Schuleintritt wurde es für uns beide ​noch anstrengender. Ich wurde ständig angerufen, ich solle das Kind bitte abholen. Wenn der Sohn nach Hause kam, schrie er und wütete. Das arme Kind war dermaßen am Ende mit seiner Kraft, dass er nur noch brüllen konnte. 

Wir waren beide chronisch erschöpft.

Und ich konnte uns nicht helfen. Von Asperger hatte ich zu dem Zeitpunkt nie gehört.

Was ist so schlimm daran, anderen zuerst zu helfen?

​Das Schlimme ist, dass wir, Mütter von autistischen Kindern, mit der Zeit sehr feinfühlig werden und uns schon im Vorfeld verrückt machen.

Es könnte doch... (was auch immer) passieren.

Dabei ist das Kind noch ganz ruhig. Durch diese Unruhe gießen wir Öl ins Feuer (Redewendung). Mehr noch, wir sorgen ja erst für die großen Flammen. 

​Wenn du auch nur entfernt so "gestrickt" bist wie ich, dann tust du ganz viel. Für dein Kind, für die Familie und vielleicht Freunde. ​

​Du organisierst, regelst, managst und bringst alles in Ordnung.

​Und früher oder später, möchtest du eine gewisse Dankbarkeit sehen. Sei es vom Kind, von Verwandten, vom Kindesvater oder den Lehrkräften. 

​Doch unsere Kinder haben ​uns um so viel Engagement meistens nicht gebeten. Verwandte, der Mann und die Lehrkräfte haben ihre eigenen Probleme und sind heilfroh, dass ​​du deine Aufgabe übernimmst und offensichtlich großartig meisterst.

​Es sind also alle zufrieden.

Alle... bis auf dich.

Denn ​du tust viel, achtest nicht auf deine Gesundheit, schläfst wenig und geratest in Gewissensbisse, wenn ​du dir nichts sehenlichster wünschst, als ohne Kind/Kinder etwas zu unternehmen. 

Wie du deine Erschöpfung in den Griff bekommst

Was also tun, bei chronischer Erschöpfung?

- Gib dir selbst den Dank, den du von anderen erwartest.

Kauf dir Blumen, gehe mit Freundin Cappuccino trinken. Haue von zu Hause ab. Es gibt die Verhinderungspflege, die Oma, eine Nachbarin oder den Partner.

Ich weiß, das klingt ganz leicht. Glaub mir, ich weiß wie schwierig es ist, Betreuung zu finden. Aber du bist wichtig. Schau, dass du dir Hilfe organisierst. ​

​- Schick dein schlechtes Gewissen in die Wüste.

Tu dir was Gutes. Du hast es verdient. Ich weiß wie viel du leistest und du weißt es auch. Also sind wir schon 2 Zeugen, und das genügt. 

​- Straffe deine To-do-Liste.

Ich bin ein großer Fan von Listen. Ich liebe sie. Bis sie mich stressen. Dann hasse ich sie.

Ist deine To-do-Liste zu lang, streiche z.B. Punkt Nr. 4 und ersetze es durch "Gesundheitspause". In dieser Pause machst du nichts. Oder schreibst mir, wie toll du diese Pause geschafft hast))) Ich freue mich auf dich.  

​- Verlange mehr für deine Arbeit.

In welcher Form die Bezahlung ist, ist mir egal.

Willst du mehr Geld vom Chef?, mach es!

Willst du mehr Hilfe vom Partner oder Babysitter?, mach es!

Wenn mein Mann über seinen Lohn nachdenkt, dann argumentiert er so: "Also 20% hab ich drauf. 80 kann ich lernen. Bezahlen sollen sie 100%."

Wenn ich über die Entlohnung rede, dann so: "80% bringe ich zwar mit, aber 20 fehlen ja noch!! Ich mach`s am Anfang kostenlos."

Nimm dir bitte an mir kein Beispiel. Ich bin kein gutes Vorbild. 

- Mach die Ohren zu.

Wenn die Weiber in deiner Umgebung über dich reden, mach die Ohren zu.

"Kein Wunder, dass das Kind seine Schnürsenkel nicht selbst bindet. Die macht ja alles für ihn."

​"Dieses Kind zu mir für einen Monat, dann würde es schon lernen, wie man sich benimmt."

Bla-bla. Kennst du ja. ​

Jeder argumentiert aus der eigenen Horizontbeschränkung. Wir auch. Wir haben uns in den Jahren viel über Autismus angelesen und sind empört, wenn uns einer nicht ​ernst nimmt.

Sie wissen nicht das, was wir wissen. Toll, oder? Wir sind im Vorteil.

- Mach, was andere für Egoismus halten...

du aber für dich für vertretbar hältst.

Würde ​ich 10 Frauen danach fragen, was sie für Egoismus halten, würde ich 10 unterschiedliche Antworten bekommen. 

Eine sagt: "Voll- oder Teilzeit zu arbeiten ist Egoismus. Wer kümmert sich um die Kleinen? Denk an die Kinder!"

Andere sagt: "Den ganzen Tag mit Kindern zu verbringen ist Egoismus. Du gibst ihnen nicht mal die Chance, groß und anabhängig zu werden. Denk an die Kinder!"

Schau, was für dich stimmt. Nur für dich. Und dann, mach es. 

​Wie kannst du deiner Erschöpfung ein Ende setzen?

Mach das, wonach dein Herz schreit.

Sorgen kannst du dir machen, wenn es soweit ist. Jetzt machst du mal eine Pause. Ohne schlechtes Gewissen. Oder von mir aus mit, aber mach sie!

​Und dann überlegst du, was für dich persönlich am allerwichtigsten ist.

  • Was lässt dich lächeln?
  • Was gibt dir so viel Kraft, dass dir die täglichen​ ​Kämpfe als erträglich ​vorkommen?
  • Welche Aufgabe lässt dich die Zeit vergessen?
  • Bei welchem Gedanken kannst du den morgigen Tag kaum abwarten?

Sei die liebevolle Egoistin.

Sei ein Vorbild für deine Kinder und für uns, andere Mütter.

Unsere Kinder brauchen keine Märtyrerin.

Sie brauchen eine Mutter, die sich selbst liebt. So wissen sie, wie man glücklich groß werden kann. Und zwar an deinem Beispiel.

​"Ich möchte glücklich sein, um glücklich machen zu können." Christian Morgenstern (1871 - 1914)

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​Bleibe positiv. ​Sei du selbst.

Alles Liebe

Deine Tanja

Bilder: pixabay.com/de user: ​engin_akyurt

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