Perfekt sein? Zum Teufel mit der Perfektion!

Ich habe keine Ahnung, ob du, liebe Leserin, mit diesen Zeilen etwas anfangen kannst. 

Ich berichte von meinen Erfahrungen und du schaust bitte für dich, ob dir mein Geschreibsel etwas bringt.

Am Ende des Artikels ist reichlich Platz für deine Erfahrungen und Meinung. Freue mich darauf!

Der Wunsch, perfekte Mutter (oder Freundin, Kollegin, Tochter - such dir was aus) zu sein, ist für mich nicht neu. Für dich vielleicht auch nicht.

Aber ich mag nicht mehr.

Ich habe es so satt.

Diese ständige Suche nach dem perfekten Verhalten. 

Nach der einen, richtigen Strategie, alles richtig zu machen.  

Was ist so schlecht an dem Wunsch, perfekt sein zu wollen?

Eltern fragen mich:

  • Wie hast du es geschafft, dass dein Sohn alleine mit dem Bus fährt?
  • Was um Himmels Willen soll ich tun, damit er oder sie die Hausaufgaben erledigt?
  • Gibt es einen Trick, wie ich meiner Tochter das Schuhe-Binden beibringen kann?
  • Wie hast du es geschafft, dass dein Sohn die Zahncreme für Babys weglässt?

Oh, natürlich könnte ich stolz sein.

Denn das alles funktioniert bei uns mehr oder weniger gut. Bis auf das Schuhe-Binden. 

Die Wahrheit ist, ich habe gar nichts geschafft. Wirklich. 

Manchmal glaube ich sogar, dass Bastian das alles nicht wegen, sondern trotz meiner Bemühungen gelernt hat. (Jetzt darfst du amüsiert mit dem Kopf schütteln.)

Das leidige Thema: Körperpflege

Was habe ich für ein Theater mit dieser Zahnpasta veranstaltet.

Junge, Junge! 

Noch mit 13 Jahren bestand unser autistisches Kind auf der Zahncreme mit dem Erdbeergeschmack. Für Kinder von 1 und 6 Jahren. 

Bio, ohne Minze, mit und ohne Fruchtgeschmack, mild und sensitiv. Es gibt wahrscheinlich keine frei verkäufliche Zahncreme, die ich nicht (als ob) unbemerkt ins Badezimmer gestellt hätte.

"Probier doch mal!" 

"Und diese?"

"Bitte, Basti!"

"Dir werden noch die Zähne raus fallen."

Stets mit dem gleichen Ergebnis:

  • Erdbeergeschmack? Ja, bitte.
  • Keine Erdbeere? Nein, danke!

Zahnarzt

Ich habe mich geschämt, als der Zahnarzt mich zum 4. oder auch 10. Mal darauf hinwies, dass ich dringend eine altersgerechte Zahncreme kaufen sollte. 

"Jetzt schauen Sie mal, Fr. Erdmann! So geht das nicht weiter. Sehen Sie? Sehen Sie diese dunkle Stelle?

Natürlich konnte ich das sehen.

Meine Augen waren ja geöffnet. Weit und konzentriert.

So gerne würde ich dem Arzt erzählen, dass ich es geschafft hatte. Dass ich die Zahn rettende, altersgerechte Zahnpasta gefunden hatte.

Es sollte nicht sein. 

Eines Tages...

Tja.

Eines Tages, das ist gar nicht so lange her, komme ich morgens ins Badezimmer und da steht mein Kind. In der Hand eine bekannte Erwachsenen-Zahnpasta. 

"Wie... wie... wie geht das?" fragte ich.

"Es gab keine mit Erdbeeren. Da habe ich diese genommen", sagte Basti.

Als wäre es das Normalste der Welt. 

Was ist hier mein Verdienst?

Es gibt keins. Bis auf die Tatsache, dass ich aufgegeben hatte und das Kind in Ruhe ließ. "Wenigstens putzt er sich ab und zu die Zähne", dachte ich, als ich den Wunsch aufgab, perfekt sein und etwas schaffen zu wollen.

Die Zeit war reif.

Deswegen konnte mein Kind die Zahncreme wechseln.

Es gab buchstäblich nichts, was ich noch tun konnte. Es geschah einfach. 

Wann bin ich perfekt?

Aber hat die nicht eben geschrieben, dass sie nicht mehr perfekt sein will?, fragst du dich vielleicht.

Oh, doch, manchmal bin ich perfekt. 

Und das gerade dann, wenn ich nicht versuche, diese geheimnisvolle Perfektion zu erreichen.

Beispiele gefälligst?

Bittschön: 

  • Zum Beispiel, wenn mein Sohn in Klamotten duscht und ich sagen kann: "Aber häng` die Sachen hinterher auf! Danke."
  • "Tanja, setz dich hin. Stehe dort nicht so rum. Ziehe dir Socken an. Ess` was Gescheites" sagt mir meine Mama und ich bleibe ruhig. Nein, nicht nur äußerlich ruhig. Ich bin die Ruhe selbst.
  • Ich bin auch dann perfekt unperfekt, wenn mich mein Mann 4 Stunden bevor die Geburtstagsgäste kommen, fragt: "Hast du was dagegen, wenn ich in 3 Stunden nach Israel fliege? Arbeit, weißt du..." Und ich erwidere aus vollem Herzen: "Nein, hab nix dagegen. Wird schon irgendwie."
  • Kein Funken Neid oder auch nur entfernte Spur vom Vergleichen kriecht in meinen Kopf, wenn mir die Mama von Linus oder Max erzählt, ihr Sprößling habe Goldmedaille in irgendeiner angesagten Sportart verdient. "Und was macht Basti so?", fragt mich diese Mama. "Gar nix", sage ich dann. 

Das sind die Momente

Ich bleibe bei mir.

Bei dem, was in meiner Möglichkeit steht. Keine Sekunde denke ich daran, was ich alles noch tun könnte, um dieses oder jenes zu erreichen. 

Meistens bin ich von den Ereignissen der letzten Zeit so "geplättet", dass ich aufgebe.

Nicht resigniert. Nein. Einfach müde.

Im Regenerationsmodus, so zu sagen. 

Interessanter Weise sind es die Momente, in welchen alles perfekt ist. Einfach perfekt unperfekt. Es gibt nichts, was mir jemand schuldet. Ich wiederum schulde niemandem etwas.

Was auch immer meine Kinder, mein Ehemann,meine Freunde (und ganz besonders Freundinnen - also weiblich) jemals erreicht haben, hat nichts mit mir zu tun. Oder mit dem, was ich für sie getan habe.

Sie haben etwas erreicht, weil die Zeit reif war. 

Vielleicht, weil sie wussten, dass ich nichts von ihnen erwartete. Dass ich einfach da war.

Ohne etwas von ihnen zu wollen oder zu fordern. 

Und ist das nicht eine super tolle Neuigkeit?

Ich muss nichts tun. 

In einem Telefongespräch mit der Lehrerin von Basti sind bei mir mal "alle Dämme gebrochen". War ein schwerer Tag.

Ich habe geheult. Ins Telefon leise geschluchzt. 

"Ich weiß ehrlich nicht mehr, was ich noch tun kann. Ich bin am Ende mit meinem Latein. Dabei liebe ich ihn so sehr", sagte ich zu der Lehrerin.

"Manchmal ist es das Einzige, was Sie tun müssen - Ihr Kind zu lieben - den Rest macht er selbst", sagte sie.  

Was für ein Satz! Ich liebe diese Frau.

Nicht immer toll, aber immer gerner

Nein, ich bin nicht an allen Tagen meines Lebens so klug und ach so gelassen. 

Aber immer öfter komme ich auf den gleichen Gedanken, dass ich eigentlich nichts tun kann, außer die Menschen in Liebe in Ruhe zu lassen, und sie ihre eigenen Fehler und Erfahrungen machen zu lassen. 

Gerade dann, wenn ich nicht versuche, etwas perfekt hin zu bekommen, ist es perfekt. 

Es geschieht einfach. Die Dinge regeln sich von allein.

Das gefällt mir sehr.

In stressigen Zeiten machen diese tollen Gedanken zwar einen großen Bogen um meinen Kopf. Aber sie kommen wieder.

Nur bisschen später. 

Und irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem ich mitten im Stress inne halten und mich selbst "in den Arm nehmen kann".

Mit der ehrlichen und sicheren Gewissheit, dass alles gut wird. Dass dieser schreckliche Zustand nicht für immer anhalten wird.

Sei willkommen

Ich lade dich ein, dich für eine Minute selbst in den Arm zu nehmen. Nur in Gedanken.

Wann bist du angespannt? Wo willst du perfekt sein? 

Kannst du für einen Moment diese extrem anspruchsvolle Haltung loslassen?

Vielleicht kannst du deine Haare noch 2 Tage ungewaschen lassen. Oder deine nervige Nachbarin freundlich begrüßen. Vielleicht erlaubst du deinem Kind heute sein Spezialinteresse länger auszuüben und machst dir einen Tee. 

Finde deine kleinste Einheit und mache sie. 

So wie es gerade ist, ist es in Ordnung. 

Bleibe positiv. Sei du selbst.

Perfekt unperfekt. 

Alles Liebe

Deine Tanja

P.S. Ich weiß, ich weiß. Das Foto ist nicht perfekt. Der Stein ist schrecklich schief geraten 🙂


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