9. Datenschutz auf Russisch – Reisetagebuch

Es kristallisiert sich ein gewisser Rhythmus heraus.

Bis Mittag mache ich meine Sachen alleine. Ab Mittag ist meine Freundin für mich da und wir verbringen die Zeit bis zum Abend zu zweit oder mit anderen Freunden gemeinsam.

Die Leute hier schlafen erstaunlich lange.

Ich bin, trotz Zeitumstellung, spätestens um 7:00 Uhr wach. Wegen Unmengen an Zeit dusche ich täglich so richtig mit allem Drum und Dran. Mit Beine rasieren, ewig lang eincremen und Haare föhnen.

Duschen im Hotel

 

Wie ist das Duschen sonst so?

Es ist kein Vergleich zum Duschen zu Haus.

Schnell, hastig und immer mit irgendeinem Kind, das an die Tür hämmert. Und wenn man dann herausschießt, mit Schaum in den Haaren, weil man denkt, es brennt, fragt das Kind: „Hast du das Ladekabel gesehen?

Oder etwas ähnlich Überlebenswichtiges (Ironie).

Meine liebste Tageszeit 

Das Frühstück in diesem Hotel ist jeden Tag etwas, auf das ich mich von Herzen freue. Ich sitze immer allein. Aber das stört mich nicht im Geringsten.

Im Gegenteil, ich genieße es.

Ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich mache mir wieder einen Plan.

  1. SIM-Karte besorgen
  2. Internetcafé besuchen: Speicherkarte leeren
  3. Apotheke

Ich fühle mich gefestigt und will unbedingt alleine alle Sachen erledigen. Als ich aber vor dem Hotel stehe, weiß ich dann doch nicht wohin.

An der Rezeption frage ich, wo ich eine SIM-Karte besorgen kann. Die Frau guckt mich an und meint, dass sie so etwas nicht kennt.

Beschreiben Sie bitte, was Sie meinen“, sagt sie.

Ich erkläre, dass ich telefonieren will. Mit der örtlichen SIM-Karte.

Datenschutz und SIM-Karte

Die suche nach der Simka

Ach so! Sie meinten eine Simka!

Gut, dann meinte ich eben „Simka“. Das klingt für mich ähnlich.

Sie erklärt mir die Richtung, spricht schnell und wedelt mit den Händen.

Mein Gesicht sieht wahrscheinlich nicht so aus, als hätte ich alles verstanden.

Also sagt sie schnell zu einem Mitarbeiter: „Roman! Bitte begleite das Mädchen zum Handy-Laden!

Sie hat mich tatsächlich Mädchen genannt. Sehe ich wirklich so jung aus? Ich lächle und nehme es als Kompliment.

Der schöne Roman kommt, hält mir galant die Tür auf und grinst übers ganze Gesicht. Er geht mit mir bis zur Kreuzung und erklärt mir ausführlich die Richtung.

Ich verlaufe mich trotzdem.

Handyladen

In dem ersten Handyladen, den ich finde, werde ich fündig. 

Ich begrüße die Mitarbeiter, wie ich es von zu Hause gewohnt bin, gleich von der Tür aus und habe die Aufmerksamkeit des gesamten, kleinen Ladens.

Ich brauche Simka“, sage ich.

Die junge Mitarbeiterin fragt mich gleich, woher ich komme. Mensch, an meiner Aussprache muss ich noch arbeiten.

Diese Mitarbeiterin ist eine gute Beraterin. Sie zeigt mir wie alles funktioniert und macht letztendlich alles für mich. SIM-Karte austauschen, den neuen Tarif eingeben, kontrollieren, ob alles funktioniert.

Ich bekomme eine umständliche Nummer und darf unbegrenzt lange hier vor Ort telefonieren. Allerdings nur mobil.

Nix mit Flatrate hier

Das Wort „mobil“ kennt sie nicht. Sie erklärt mir die Funktionen und ich nicke eifrig.

Super! Vielen Dank“, sage ich und gehe raus.

Gleich auf der Straße wähle ich die mir bekannte Nummer und quatsche und quatsche.

Es kommt wie es kommen muss, die Verbindung ist weg. Ich wähle erneut die Nummer.

Kein Geld. 

Komisch.

Sagte doch die Verkäuferin, ich kann unendlich lang telefonieren.

Also tripple ich zurück zum Laden. Dieser ist leider bereits voll.

Meine Beraterin sieht mich gleich unsicher in der Tür stehen und fragt, ob das Geld weg ist.

Kann sie Gedanken lesen?

Ja“, gebe ich leise zu. „Kommen Sie her“, sagt sie und bittet eine andere Kundin, mir Platz zu machen. Ich genieße wohl den VIP-Status.

Nach kurzer Suche stellt sich heraus, dass ich eine Festnetznummer gewählt habe und das ganze Geld vertelefoniert habe. „Unendlich lang“ bezieht sich nur auf das mobile Netz.

Jetzt bin ich schlauer. Ich zahle noch etwas ein und kann mein Mobiltelefon wieder benutzen.

Weiter nach Plan

Gleich den ersten Passanten frage ich nach dem Internet-Cafè. Der Mann lacht schallend und entfernt sich ohne Worte. Das ist nicht gut.  

Es ist schon so schwer genug, fremde Menschen nach Hilfe zu fragen.

Die nächste Frau lacht zwar auch, erklärt mir aber, dass es so etwas hier nicht gibt. Es gibt aber gleich um die Ecke einen Computerladen. Da wird man mir helfen können, so die Frau.

„Gleich um die Ecke“ entpuppt sich als 20-Minuten-Lauf mit mehreren Duzend Ecken. Zum Glück schreibt mir die Frau den Namen des Ladens auf.

Datenschutz auf Russisch

Ich finde ihn.

Der Laden ist so klein wie das Badezimmer in meinem Hotel.

Die Größe ist aber nicht entscheidend.

Es ist brechend voll. Mein unbeholfenes Verhalten ruft in den (netten) Menschen stets die gleichen Gefühle aus: Beschützerinstinkte.

Ein sehr junger, sehr netter Mann fragt gleich, ob er helfen kann.

Ich frage: „Kann ich hier meine Fotos auf einen Stick ziehen? Meine SD-Karte ist voll.

Der Mann guckt. Versteht nichts.

Ich versuche es anders: „USB?“

Wieder nur betretenes Schweigen. Ich erkläre so gut ich kann, was ich meine. Ah, jetzt versteht der Mann. Lächelt.

Sie meinten sicherlich Fläschka?“, erklärt er, obwohl es mehr nach einer Frage klingt.

Datenschutz und USB

Datenschützer, Augen zu

Was danach kommt, würde jeden halbwegs engagierten Datenschützer in eine Krise stürzen.

Der Verkäufer schließt mein Handy an seinen PC an. Öffnet meine Daten und lädt sie auf seinen Computer hoch.

Eins nach dem anderen ploppen die Gesichter meiner Freunde und Familie auf seinem Bildschirm auf. Ich bin geschockt, kann aber meine Augen nicht abwenden.

Warum nicht gleich auf die Fläschka?“, will ich wissen. „Ach, so ist das einfacher“, entgegnet der Mann.

Nach und nach kommen alle Dateien zum Vorschein. „Diese Musik da. Brauchen Sie sie?“, fragt er mich.

Ehm, nein. Die kann weg“, sage ich.

Nach wenigen Minuten ist die Datenbank meines Handys schön schlank. Endlich nimmt er meinen mitgebrachten Stick und zieht alles rüber. Ich kaufe noch eine SD-Card mit 32 GB und gehe. Bezahlt habe ich umgerechnet 16,-€.

Für alles. 

Private-Fotos-Anschauen inklusive.

Weiter auf der Liste

Punkt 3: Apotheke

Kasachstan Apotheke

Meine Schwester hat mir aufgetragen, eine bestimmte Salbe zu kaufen. Die gibt es angeblich nur hier.

Die Apotheke ist leer.

Mich und die Dame hinter dem Tresen trennt eine Glaswand.

Wie im Knast.

Durch eine kleine Öffnung in der Glaswand kommunizieren wir. Ich frage die Apothekerin ob sie mir helfen kann. Sie fragt mich, woher ich komme.

Das nervt langsam 🙂

Den Zettel mit dem Namen der Salbe schiebe ich ihr unters Glas. Sie erkennt die Bezeichnung sofort.

Während sie im Computer nachschaut, ob sie so etwas vorrätig hat, kommt eine andere Kundin herein.

Zur Erinnerung: Wir sind jetzt die einzigen Kunden. Obwohl alles leer ist, stellt sich die Kundin so dicht neben mich, dass sich unsere Unterarme berühren. Entweder bin ich für sie zu langsam oder sie hat noch nie etwas von Privatsphäre gehört.

Vielleicht beides.

Und es nimmt kein Ende

Die Apothekerin bittet mich, Symptome zu beschreiben. Fragt mich, ob ich schwanger sei.

Sie denkt, die Salbe sei für mich. Während ich brav alle Fragen beantworte, steht die andere Kundin dicht neben mir und hört interessiert zu.

Die Salbe ist nicht vorrätig. „Möchten Sie sie bestellen?“, fragt die Apothekerin. „Nein“, sage ich und gehe.

Es ist mittlerweile Mittag.

Ab da ist der Ablauf bekannt. Freundin treffen, zu Mittag essen. Die Gespräche tun mir gut. Ich mache wieder unzählige Fotos und genieße das schöne Wetter. Abends sitzen wir wieder in einem Restaurant und lachen so viel, dass ich am nächsten Tag am Bauch Muskelkater habe.      

Bilder: eigene und pixabay.com/de

User: Alexas_Fotos; EsaRiutta; OpenClipart-Verctors; tookapic

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