12. Abschied mit Erkenntnissen – Reisetagebuch

Den vorletzten Tag überspringe ich. Er war bedrückend. Stets dieses Gefühl im Nacken: „Letzter Tag!“
Ich hatte mich unter Kontrolle. Geschlafen habe ich wenig.

Das Frühstück will nicht so richtig „runter“. Ich habe keinen Appetit. Die Tränen fließen und mir geht es nicht so gut.
Als meine Freundin mich auf dem Mobiltelefon erreicht, um sich nochmal zu verabschieden, gibt es keinen Halt mehr.
Warum kann ich nicht einfach nur betrübt sein? Wieso müssen die Gefühle immer in dieser übermäßigen Intensität kommen?

Die gute Seite von dieser Intensität sind die positiven Gefühle. Freuen kann ich mich wie ein kleines Kind.

Dennoch war es eine schöne Zeit. Mit vielen Aha-Erlebnissen, wie man so schön sagt.

Mir wurde schmerzlich bewusst, wie sehr mich der Autismus beeinträchtigt. Wie sehr mir das Kennen vom Ablauf wichtig ist. Zu wissen, was als Nächstes kommt.

Der Alltag mit drei Kindern ist meist laut und erfordert von mir eine Dauerpräsenz und das moderne Multi-Tasking, das ich nur sehr bescheiden beherrsche. Die alltäglichen, völlig normalen Pflichten verlangen mir viel ab. Wenigstens weiß ich jetzt, warum ich an manchen Dingen verzweifle, während andere Mütter sie mühelos beherrschen.


Welche Erkenntnisse nehme ich mit? Was lerne ich aus diesem Kurzurlaub?  

Ich will lernen, mein Bedürfnis nach Auszeit besser akzeptieren und durchziehen zu können. Leider bin ich auf diesem Gebiet viel weiter hinten, als ich vermutet habe.
Sich selbst zu kennen und die eigenen Bedürfnisse zu respektieren. Diese Aufgabe ist groß und wird nicht in ein paar Tagen „erledigt“ sein. Ich kann sie nicht so schnell von meiner to-do-Liste streichen. Wahrscheinlich wird sie mich mein ganzes Leben begleiten.

Durch die zahlreichen und tiefgründigen Gespräche mit meinen Freundinnen wurde mir noch etwas bewusst. Oder besser gesagt, ich wurde mit sanfter Gewalt darauf aufmerksam gemacht: „Ich mache mir zu viel Kopf“(RW).

Dieses, für andere auffällige, Verhalten ist meine typische Vorgehensweise.

Von außen betrachtet, mag es so aussehen, als würde ich mich darum sorgen, was die Leute über mich sagen. In Wirklichkeit ist das meine mangelnde Fähigkeit, die Worte im übertragenen Sinn zu verstehen.

Was ist ernst gemeint und was war eher ein Witz? Welche unsichtbare Regel spielt jetzt eine Rolle? Habe ich was Falsches gesagt? Habe ich jemanden verletzt?

Das sind die Fragen, die ich im Kopf durchgehe, während es von außen so aussieht, als würde ich mir „zu viel Kopf machen“.

Dies ist meine zweite Mammut-Aufgabe für die nächsten Jahre. Dem eigenen Gefühl zu vertrauen. Die Konflikte besser auszuhalten. Auch zu lernen, dass sich immer und ständig einer gekränkt fühlen könnte.

Mein Tai-Chi-Lehrer hat mal über mich gesagt, ich sei harmoniesüchtig. Dem konnte ich nicht widersprechen, denn es stimmte.

Ich will mich nicht mehr zur Geisel der Gefühle der anderen machen. Ich will mich nicht länger für das Glück eines jeden Menschen verantwortlich fühlen.

Wie geplant besuche ich auf dem Rückweg meine andere Freundin. Die OP verlief zwar gut, aber sie kann nicht gehen. Beide Füße sind fest einbandagiert. Wir quatschen, lachen, machen Fotos.

Ach, Gott, bist du dünn!

Mein (angebliches) Untergewicht ist stets das Thema. Alle Menschen versuchen, mir etwas Nahrhaftes einzuflößen. So reden wir beide meist mit vollem Mund und ich nehme in dieser Reise tatsächlich 2 Kilo zu.

Am nächsten Morgen, um 4:20 Uhr klingelt mein Wecker. Mein Taxi kommt pünktlich. Die Rückfahrt ist unspektakulär. Bloß beim ersten Flughafen ist es etwas unfreundlich.

Die Mitarbeiterinnen des Flughafens überbieten sich in ihrer Gehässigkeit. Interessanterweise macht mir das an genau diesem Tag nichts aus. Ich schmunzle nur über so viel Unprofessionalität und vermisse meine Mädels. Alle zusammen und jede Einzelne. Ich vermisse die Natur, mein altes Haus und meine früheren Nachbarn.    

Die drei Flughäfen machen mir keine Angst mehr. Ich kenne mich aus. Weiß wo ich hin muss, weiß wo ich essen kann und was auf mich zukommt. Nur die Menschenmengen stressen mich. Sonnenbrille und Kopfhörer verschaffen etwas Linderung.


Hallo, Zuhause 

Am frühen Nachmittag bin ich zu Haus.

Das Gefühl der Ruhe verpufft so schnell wie das Gas in einem Airbag, sobald ich meine Haustür aufmache.

Ich bin im Mama-Modus.

Augenblicklich erfasst mich die vertraute Unruhe. Dutzende Aufgaben türmen sich auf der to-do-Liste in meinem Kopf. Im Hinterkopf der panische Gedanke: „Ich muss schnell alles erledigen, bevor die Familie kommt!“ Diese sind noch unterwegs.


Obwohl ich meine Familie über alles liebe und sie um nichts in der Welt hergeben könnte, habe ich immer das Gefühl, dass sie meine Ordnung bedrohen. Und das tun sie mit Sicherheit.

Einfach weil es zu einer gesunden Kindheit und zu einem normalen Familienleben dazu gehört. Meine Familie ist laut und chaotisch. Sie können nicht immer Rücksicht auf mein starkes Bedürfnis nach Ordnung nehmen. Ich arbeite pausenlos an mir und lerne täglich etwas dazu. Aber auch ich habe Grenzen. Mein Drang nach Ordnung gibt mir Halt und Sicherheit. Hier möchte ich etwas gelassener werden. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht genau, ob ich da nicht zu viel von mir verlange.

Sie kommen

Meine Kinder und mein Mann kommen in der Nacht. Zwei volle Tage benötige ich, um alles zu waschen und zu sortieren.
Das Zelt muss getrocknet werden. Überall sind Ameisen, Ohrenzwicker und andere Viecher. Mein großer Sohn braucht ebenfalls zwei Tage, um anzukommen. Die Übergänge verkraftet er nicht so gut. Zum Glück (?*) haben wir noch eine Woche Ferien.


*Fragezeichen, weil die Ferien für mich zwar den Wegfall von Fußball (unser Mittlerer), Hausaufgaben und schulischen Erwartungen bedeuten. Andererseits aber eine pausenlose Beschäftigung und Animation für die Kinder mit sich bringen. Der Wegfall von den lästigen, aber verlässlichen Routinen aus dem Schulalltag bedeutet Stress für unseren Großen. Und das spürt die gesamte Familie.

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