11. Loslassen – Reisetagebuch

Mir geht es gut.

Mir geht es wirklich gut. Mit einem ungewöhnlichen Gefühl der Glückseligkeit laufe ich, wie eine leicht irre, mit einem Dauerlächeln, durch die Straßen.

Batterie auf Null

Ich wusste zwar, dass mich die täglichen Pflichten zu Hause schnell ermüden. Dass meine Batterie aber längst im Minus- und nicht im Nullbereich war, wie ich dachte, wusste ich nicht. Ich bin schon so lange im Dauereinsatz, dass ich nicht mehr wusste, was es heißt, erholt und glücklich zu sein.

Es ist immer recht voll auf den Straßen. Daher schütze ich meine Ohren durch die Kopfhörer und eigene Musik. Als ich da grinsend durch die Straßen gehe, spüre ich endlich etwas. Etwas, das ich vermisst habe und nicht wusste, dass ich das fühlen konnte.

Ich glaube, das sind die Momente des Glücks, des Loslassens, von denen so oft berichtet wird. Unglaubliche Ruhe und das Gefühl der Freiheit umgeben mich.

Freiheit​

Was ist das in meinem Fall? Es ist die Freiheit auf Selbstbestimmung. Ich entscheide, was ich mache und wann. Meine Entscheidungen beziehen sich auf mich und ich muss keinem fremdbestimmten Rhythmus folgen, der mich so oft erschöpft. Es sind keine anderen Bedürfnisse als meine zu erfüllen.

Diese Freiheit ist kostbar und gefährlich zugleich. Ich habe Angst vor ihr.
Angst, dieses Gefühl später zu vermissen. Angst, süchtig nach diesem Gefühl des Glücks zu werden und wütend über die nicht änderbaren Zustände zu werden.

Ein paar Stunden lang gehe ich schoppen. Es ist hier das reinste Kleiderparadies. Ich liebe Kleider. Nur ist es schwer, passende zu finden. Mal ist der Stoff kratzig, mal ist die Farbe zu grell, mal gefällt mir der Schnitt nicht. Und wenn die Auswahl an Kleidern so klein ist wie in Deutschland, dann wird es kritisch. Hier ist die Auswahl so groß, dass ich mir gleich mehrere Kleider kaufe.

Zufrieden mit dem Kauf und mit einem Tagebuch „bewaffnet“, suche ich nach einem geeigneten Cafè, in dem ich ungestört schreiben kann. Die vollen Läden ermüden mich schnell.

Ich im Cafè - Reisetagebuch

Lange muss ich nicht suchen. Wie hier bereits beschrieben, gibt es eine große Anzahl von Cafès, die um die Aufmerksamkeit der Besucher konkurrieren.

In einem der Cafès finde ich Platz. Wegen der frühen Stunde, oder weil es so viele sind, sind die Cafès eher nicht so voll.


Handy klingelt

Ich bin bereits beim dritten Cappuccino, als mein Handy klingelt. Auf dem Display leuchtet das Foto meines Mannes.

Das bedeutet nichts Gutes.

Zwischen uns sind tausende Kilometer. Wir schreiben uns ständig. Dass er jetzt anruft, bedeutet etwas Ernstes.

Ich gehe ran.

Mein Mann bittet um dringende Hilfe. Unser Sohn fühlt sich nicht wohl, erzählt mein Mann. ​Basti weint und will mit niemandem sprechen oder spielen. Aber gerade wahr doch alles bestens, sagt mein Mann immer wieder. Er kann diese sekundenschnelle Umbrüche nicht verstehen. Mein Sohn ist unauffindbar. Erst später kann ich mit ihm sprechen.

Meine Aufgaben sind die alten: Mit detektivischem Gespür und gezielten Fragen nach dem Grund suchen. Beruhigen. Verhalten der Anderen erklären. Wieder beruhigen. Hoffen, dass alles gut geht.


Eine (riesige) Kleinigkeit

Die Situation wird geklärt.
Die Kinder sagen beiläufig: „Komm, lass uns an den Strand gehen.“ Und weg sind sie. ​Basti weiß nicht, dass er auch gemeint ist. Er fühlt sich ausgeschlossen.
Fertig.
Mehr war da nicht.
Aber diese Kleinigkeit kann bereits zu einer übergroßen Überforderung führen, wenn z.B. viele Menschen am gleichen Ort sind. Und das ist in diesem Papa-Urlaub ja immer der Fall.

Ich meine, die Situation souverän gemeistert zu haben. Mein Mann bestätigt mir einige Zeit später, dass wieder alles gut ist.
So weit so gut. Solche Aktionen lassen sich in wenigen Sätzen beschreiben. Die Dauer ist unterschiedlich und kostet viel Energie.

Meine Sorgenmaschinerie ist gerade dabei, tüchtig los zu gehen. Mein Blick schweift umher. Das Schreiben, meine eigene Stresstherapie, ist momentan nicht möglich. Auf meinem Tisch steht ein Serviettenspender. Darauf ein toller Spruch. Siehe Foto.

Blicke hinter den Horizont - Reisetagebuch

Übersetzt heißt das so viel wie „Blicke hinter den Horizont“.

Mein Horizont hört bei der Familie auf. Es ist meist sorgenvoll. Hinter den Horizont zu blicken, ist nicht immer leicht. Das versuche ich heute zur Abwechslung.

Wer weiß, was uns dort erwartet? Vielleicht sind dort mehr Möglichkeiten oder unerwartete Fähigkeiten versteckt?

Hinter dem Horizont.
Ich lasse los.

Allein dadurch, dass zwischen uns tausende von Kilometern sind, kann ich nicht mehr tun, als Ratschläge zu geben und die Zeit, die mir hier verbleibt, zu nutzen.

Am Abend gehen wir wieder in ein Restaurant. Meine Freundin stellt mich ihren zwei bezaubernden Kolleginnen vor. Wieder lachen wir viel.

Als der Abend vorbei ist, möchte ich zu Fuß zum Hotel gehen. Sie lassen mich nicht. Zwei Optionen stehen mir offen: ich werde begleitet oder ich fahre mit dem Taxi. Dieses Begleiten wird bizarr. Bis zum Hotel sind es 10 Minuten zu Fuß. Da mit mir niemand gehen will, wird ein Taxi bestellt.

Wir warten 20 Minuten.

Und nicht mal Taxifahren darf ich dann alleine. Alle 3 Frauen quetschen sich mit mir ins Fahrzeug und lassen das Taxi so lange warten, bis sich die Tür des Hotels hinter mir schließt.

Mich heitert das nur auf.

Um 1:30 Uhr morgens falle ich ins Bett. Das letzte Mal habe ich diese Uhrzeit wach verbracht, als ich meine Jüngste gestillt habe. Sonst schlafe ich um diese Uhrzeit. Eine völlig neue Erfahrung für mich.       

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