Steck ihn doch gleich ins Heim!

Es begann im November 2018.

Vor genau 3 Monaten.

Unser Sohn bekam Stimmungsschwankungen.

Solche, die das ohnehin bereits ausgedehnte Ausmaß seines Gefühlsspektrums nochmal erweiterten.

Wir konnten keine Kompromisse mehr schließen. Die Bereitschaft zu kooperieren sank mit jedem Tag. Manchmal hatte ich das Gefühl, zurück in die s.g. Trotzphase eines Kleinkindes, zu kehren.

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Schulsituation

Obwohl es in der jetzigen Schule sehr gut läuft, muss ich mein Kind vermehrt abholen.

Die bisher optimalen Bedingungen reichen nicht mehr aus. Die Lehrkräfte sind sehr offen, bemühen sich nach Kräften und tun weit mehr, als ich es jemals von einer Schule erwarten könnte.

Die Klasse mit knapp 20 Schülern ist relativ klein. Bastians Mitschüler wurden über Autismus informiert. Ihr loyales Verhalten ist das eines liebevollen Erwachsenen. Obwohl die meisten Schüler/innen selbst mit der eigenen Pubertät beschäftigt sind.

Kurz: äußerlich ist alles gut. 

Eigentlich.

Und doch geht es meinem Kind nicht wirklich gut.

Situation zu Haus

An den Abenden und Wochenenden ist es für Bastian besonders schwierig. Die gesamte Familie ist zu Haus.

Die kleineren Geschwister rennen, lachen, streiten, tanzen, spielen – sie sind laut.

Die gewohnte Routine ist weg.

Dazu kommt noch die Mama mit ihren ewigen Regeln.

Mein Kind versteht nicht. Alles erscheint ihm unlogisch.  

  • Warum darf man nicht 18 Stunden am Stück zocken? Dafür ist das Wochenende doch da!
  • Warum muss ich duschen?
  • Warum helfen?
  • Warum an die frische Luft gehen? Vitamin D-Mangel? Kann man doch Tabletten nehmen!

Wir diskutieren.

Und immer öfter „verliere“ ich. Mir fehlen die Argumente, die mein Kind akzeptiert.

Neuer Lebensabschnitt

Wir sind in der Pubertät angekommen.

Die Gefühle meines Kindes fahren Achterbahn (RW).

Und was für eine!

E-Mails, die ich bekomme

Ich verrate euch kein Geheimnis, wenn ich sage, dass ich E-Mails bekomme.

Die allermeisten sind liebevoll, intim, herzzerreißend oder auch optimistisch.

Nur die wenigsten sind weniger gut gemeint.   

Eine E-Mail ging mir sehr nahe. Die Worte beschäftigten mich.

Darin hieß es: „Dann steck ihn doch gleich ins Heim!“ 

Autsch.

Warum war das so schmerzhaft? Ich überlegte und kam auf die Idee, dass das Wort „stecken“ für mich eine negative Bedeutung hatte.

Dieses Wort benutzt man als Schimpfwort. Stellvertretend für Aussagen wie die folgenden.

Wer sein autistisches Kind in einer betreuten Wohngruppe unterbringt oder gar zur stationären Behandlung einweisen lässt, der/die:

  • Hat als Elternteil versagt
  • Macht etwas falsch
  • Handelt egoistisch
  • Will das Kind abschieben
  • Liebt sein Kind nicht (!)
  • Hat sich bisher nur ungenügend bemüht
  • Muss sein/ihr Verhalten ändern und dann verschwinden alle Schwierigkeiten, die in den besonderen Bedürfnissen begründet liegen

Wenn ein Kind sich das Bein bricht, sagt niemand: „Dann steck ihn doch gleich in die Notaufnahme!“

Kann mein Kind nach dem komplizierten Beinbruch nicht laufen, sagt niemand: „Steck ihn doch gleich in die Kurklinik!

Negative Synonyme

Die Wörter „stecken“ und „Heim“ werden ausschließlich dann benutzt, wenn man etwas Negatives meint.

Ich schaute mir mein Kind an. An diesem Sonntagabend war er „geschafft“.

Durch das Familienleben bekommt er momentan nicht die Ruhe, die er braucht, dachte ich.

Seine Schwester (4) hat ihn geweckt. Bastians Bruder (10) mochte mit ihm Zeit verbringen. Papa wollte einen kleinen Spaziergang machen. Alle wollten irgendwas.

Das waren Kleinigkeiten, die meinen Sohn plötzlich so maßlos überforderten, dass er am Montag bereits in der 2. Unterrichtsstunde völlig aufgelöst nach Hause geschickt wurde.

Aber auch zu Hause kam er nicht zur Ruhe. Seine Gefühle rutschten ins Bodenlose (RW).

Die Welt sei schrecklich, alles habe keinen Sinn, meinte Bastian.

Und ich stand da und musste mir eingestehen, dass ich nicht wirklich helfen konnte.

Ich konnte seine Geschwister nicht ausschalten.

Am Wochenende konnte ich die gewohnte Routine nur bedingt aufrechterhalten. Es kostete viel Kraft und war dennoch ungenügend.

An diesem Sonntagabend kam mir wieder dieser Satz in den Sinn: „Dann steck ihn doch gleich ins Heim!

Richtige Fragen

Die Frage ist nicht, ob ein Familienmitglied mehr Zuwendung braucht oder nicht.

Die Frage ist: Wie gut tut diese Familie dem einzelnen Kind?

Bin ich als Mutter noch in der Lage, meinem Kind das zu geben, was es momentan braucht?

Ruhe, Routine, verlässliche, ja gar strenge Grenzen, Standhaftigkeit, therapeutische Hilfe.

Ist es nicht eher egoistisch, das Kind Woche für Woche mit dem Lärm zu überfordern? Ihm die Hilfe vorzuenthalten?

Aus Angst, verurteilt zu werden. Als „Mutter, die versagt hat“ abgestempelt zu werden.

Und von wem?

Garantiert nicht von den Menschen, die die Verzweiflung des Kindes hautnah erleben.

Die Verurteilung käme von Menschen, die meinen Sohn noch nie im Leben oder nur ein paarmal im Jahr gesehen haben.

Bin ich bereit, im Zweifelsfall nach einer geeigneten Wohnform für mein Kind zu suchen?

Kann ich meine Gefühle ausschalten und rein an die Bedürfnisse meines Kindes denken?

Würde ich so lange suchen, bis eine bestmögliche, professionelle oder gar therapeutische Hilfe gefunden wäre?

Die Antwort lautet auf jede Frage: Ja. Eindeutig.

Wir werden es schon schaffen

Wenn es soweit ist und ich merke, dass mein Kind weit mehr benötigt, als ich oder wir als seine Familie ihm geben können, dann sehe ich das als Zeichen der bedingungslosen Liebe an, nach geeigneter Hilfe zu suchen.

Bedingungslos, weil ich es nicht dringend brauche, das Kind bei mir zu behalten, nur, um der Welt beweisen zu müssen, dass ich es liebe.

Ich liebe Bastian über alles. Und es ist meine Pflicht, ihm einen so optimalen Tagesablauf zu garantieren, wie es seinen Bedürfnissen entspricht.

Nun habe ich keine Angst mehr vor dem oben erwähnten Satz.​

Ich habe weniger Angst vor der Zukunft und möchte darauf vertrauen, dass wir gemeinsam eine bestmögliche Lösung finden werden.

Bilder: pixabay.com/de

User: Free-Photos      

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