Plagt dich dein schlechtes Gewissen? Gut!

„Bagger! Bagger!!“

Kleiner Leonard brüllt seit 5 Minuten.

Nein, er will kein anderes Spielzeug. Er will den Bagger.

Und zwar genau den, den die kleine Marie in der Hand hält.

Es ist ein Bild wie jeden Tag. Die Kinder streiten um das Spielzeug. Es gibt andere Bagger. Dieser Kindergarten ist wirklich toll ausgestattet.

Aber die anderen Bagger sind nicht rot. Oder sie haben andere Schaufel. Oder sind eben nicht attraktiv genug.

Passiert das oft?“, frage ich meine alte Bekannte Kerstin. Sie ist Erzieherin.

Den ganzen Tag“, sagt sie und lächelt.

Wie kannst du das so locker nehmen?“, will ich von ihr wissen.

Kerstin antwortet:

Punkt A: Ich bin emotional nicht so gebunden, wie bei meinen eigenen Kindern. Ich habe diese Kinder hier nicht unter Schmerzen auf die Welt gebracht.

Und B: Es gibt immer eine nette Kollegin, die einspringen kann, wenn ich mal für 5 Minuten raus muss. Zu Hause hat man für gewöhnlich keine Kollegin zur Hand.

Sie lacht. So entspannt wäre ich auch manchmal gerne.

Warum sind wir denn nicht immer so entspannt?

Warum explodieren wir manchmal, um hinterher ein schlechtes Gewissen zu haben?

Overload, Meltdown oder Shutdown  sind für mich Notfälle.

Es läuft etwas gewaltig schief (RW).

Ein Kind, dass vor Verzweiflung schreit, weint und um sich schlägt, signalisiert, dass es Hilfe braucht. Dass es in einer Ausnahmesituation ist und alleine nicht mehr raus findet.

Es gibt zwei Arten von Meltdown/Shutdown:

  • Es schwillt über Tage und Wochen an, bis es seinen Höhepunkt in diesem Zusammenbruch findet

oder

  • es passiert plötzlich, weil sich zu viele Reize ansammeln und das System zum Einsturz bringen (Metapher).

Bei so einem Notfall werden bei der Mutter Beschützerinstinkte wach. Die Mutter muss blitzschnell reagieren können.

Dafür werden im Bruchteil der Sekunde so viele Hormone ausgeschüttet, dass ein schnelles Handeln überhaupt möglich ist.

Diese Reaktion ist sehr, sehr alt und sicherte einst das Überleben unserer Nachkommen.

Es hieß: kämpfen oder fliehen.

Da war keine Zeit für Gedanken wie:

Ach, herrje. Ein wütender Mammut. Ich glaube, ich gehe jetzt mal lieber und nehme mein Kind mit.“ (Achtung Ironie.)

Wenn du also ein zutiefst überfordertes, verzweifeltes Kind vor dir hast, dann bist du voll von Adrenalin, das dich eigentlich zur Tat zwingen will.

Aber du musst ruhig bleiben. Ruhig und stark.

„Ruhig bleiben“ und „alle Kraftreserven zum Überleben nutzen“ sind Gegensätze. Das sind zwei ganz unterschiedliche Vorgänge, die da im Körper ablaufen.

Dass da auch mal dein System einen Absturz erleidet, ist hier hoffentlich verständlich.

Soll das jetzt eine Entschuldigung für das nicht angebrachte Verhalten sein?, schimpfen jetzt meine schärfsten Kritiker.

Nein. Das soll und ist keine Entschuldigung. Und schon gar nicht ein „Freifahrtschein“ für jedes Verhalten.

Es ist nur eine Hilfe für die Mutter, die sich eh schon hart bestraft, indem sie sich mit schlechtem Gewissen plagt.

Du bist du

Du bist keine Erzieherin, die keine emotionale, tiefe Bindung zum Kind hat.

Auch hast du höchstwahrscheinlich keine nette Kollegin, die dich für 5 Minuten ersetzen kann.

Du bist du – eine Mama.

Keine gelernte Therapeutin, die es fachmännisch beigebracht bekommen hat.

Dein Handeln ist eher ein Versuch-und-Irrtum-Projekt.

Also wird es Fehler geben. Es wird auch wieder schlechtes Gewissen geben.

Aber nächstes Mal kannst du es ein bisschen besser.

Hast du schlechtes Gewissen? Gut!

In diesem Artikel erkläre ich dir, warum es für dich gut ist, schlechtes Gewissen zu haben.

Warum es dich dennoch behindert und weg darf.

Ich zähle dir 8 Strategien auf, um mit diesen heftigen Gefühlen fertig zu werden. Ich nehme dich und deine Wahrnehmung ernst.

Tue dir etwas Gutes und mache das Gleiche.

Suche dir die Strategien aus, die zu deinem Charakter und deiner Lebenslage passen.

Du kannst etwas tun und ich werde dir zeigen was. Den Weg gehen musst du trotzdem alleine. Aber es lohnt sich.

Schlechtes Gewissen ist da

Es ist also passiert. Dein Kind hatte Overload, Meltdown, Shutdown. Du warst laut, emotional und hast, alles was ging, falsch gemacht. Zumindest nach deinem Gefühl. Und meistens stimmt es sogar.

Was ist ein „schlechtes Gewissen“ überhaupt?

Sehr vereinfacht gesagt, ist es das Denken darüber, wie es gehen sollte. Gepaart mit dem Wissen, dass du es falsch gemacht hast.

Du hast es vermasselt und fühlst dich furchtbar. Was unter die Begriffe „vermasselt“ und „falsch“ fällt, ist bei jeder Mutter anders.

Hier begehen wir Mütter oft einen Fehler. Wir sind so stark über unser Verhalten erschrocken und beschämt, dass wir uns diese zwei wichtigen Fragen nicht stellen können:

  1. Was habe ich falsch gemacht?
  2. Wie kann ich es nächstes Mal besser machen?

Nun zu den positiven Seiten.

(Ich bin unbelehrbar, ich weiß. Ich sehe überall etwas Positives.)

Warum ist dein schlechtes Gewissen gut?

Was soll bitteschön gut daran sein, wenn man sich als Mutter so furchtbar verhält, denkst du?

Hier meine Antworten. Diese Liste ist beliebig erweiterbar.

  • Du weißt jetzt, auch wenn es zu spät ist, dass es deinem Kind schlecht geht. Es ist verzweifelt, überfordert, müde. Seine innere Verfassung ist jetzt greifbar und sichtbar (RW).
  • Du weißt jetzt wie es nicht gehen soll und was deine Gefühle auslösen oder besser gesagt anrichten können.
  • Wenn du das nächste Mal deine Gefühle nicht ganz unter Kontrolle hast, hast du das Bild von heute vor Augen und kannst nochmal überlegen, ob du das unbedingt wiederholen willst.
  • Dein schlechtes Gewissen zeigt dir, dass du mit dem eigenen Verhalten nicht zufrieden bist (sehr sanft ausgedrückt). Also bist du für Veränderungen bereit. Du weißt, dass es nicht in Ordnung war, zu schimpfen. Sonst hättest du nicht dieses scheußliche Gefühl.
  • Es ist vorbei. Du kannst dich daran „festbeißen“ oder es annehmen, akzeptieren und weiter machen. Nur anders. Besser. Ruhiger.
  • Auch wenn du es momentan partout nicht spüren kannst, du hast was gelernt. Heftige Gefühle, positive wie negative, sind die besten Motivatoren fürs Lernen. Besser gesagt: fürs Daraus-Lernen.

Warum ist dein schlechtes Gewissen schlecht?

  • Es verhindert das Handeln.
  • Ohne Handlung fühlst du dich unwohl, machtlos, ohnmächtig.
  • Schuldgefühle sind schreckliche Egoisten. Sie kreisen um sich selbst und lassen dich lahm werden vor Angst, Scham und Ärger über dich selbst.
  • Schlechtes Gewissen ist zudem klebrig wie Kinderhände nach dem Eisverzehr. Du wirst es durch bloßes Wegwünschen nicht los.

Was also tun, wenn das schlechte Gewissen übermächtig wird?

Schau dir dieses Gefühl an (RW). Nehme es wie es ist.

Nehme dir auch Zeit, um dich schlecht zu fühlen. War wirklich nicht schön, was du da gemacht hast. Aber es geht weiter. Du bist die Erwachsene. Du kannst etwas tun.

Ja, genau.

Du kannst.

Du darfst und du schaffst das!

Hier meine 8 Strategien, die vielleicht auch dir helfen werden.

Picke für dich das Richtige heraus.

  1. Kläre es. Je nach Grad des Zusammenbruchs (Overload, Meltdown, Shutdown), sollst du die Situation so schnell wie möglich klären. D.h., du entschuldigst dich beim Kind. Entweder heute oder gleich morgen früh. Nehme dem Kind diese Last so schnell wie möglich ab. Lass ihn/sie nicht mit dem schweren Gefühl zur Schule gehen.
  2. Du bist verantwortlich. Wenn es der Wahrheit entspricht, kannst du erzählen, dass sich deine Gefühle wegen „externer“ Probleme aufgestaut haben. So weiß das Kind, dass nicht alles mit dem Kind zu tun hat. Dass es an deinem Gefühlsausbruch nicht schuld ist. Das denken Kinder oft. Alle Kinder. Es ist wichtig, zu erklären, dass es für deine Gefühle nicht verantwortlich ist.
  3. Sorge für Pause. Dass du so explodiert bist, zeigt dir, dass deine Kraftreserven aufgebraucht waren. Wenn du es dir nicht einrichten kannst, denke an die Alternative. Was passiert, wenn du weiter so kraftlos durch den Tag schleichst? Bist du dann eine Hilfe? Bist du eine Hilfe, wenn du zusammen brichst? Na also. Pause ist wichtig. Frag die Nachbarin, ob sie auf das Kind 2 Stunden aufpassen kann. So hart es klingt, es kommt niemand, um dir zu helfen. Du musst dir selbst die Hilfe beschaffen.
  4. Entspann´ dich. Finde eine (angeblich) sinnlose Tätigkeit, die dich entspannt. Je öfter du deine Bedürfnisse erfüllst und eine tiefe Entspannung erfährst, umso größer ist deine Kraftreserve.
  5. Schreibe ein Tagebuch, wenn es dir hilft. Nur für dich.
  6. Bleibe im Alltag liebevoll. Schreibe dem Kind ab und zu, wie toll es ist. Wie froh du bist, genau dieses Kind zu haben. Das muss nicht oft sein. Ich lege manchmal je einen Glückskeks in die Vesperdose meiner Kinder. Dazu einen klitzekleinen Zettel mit dem Satz „Hab dich sehr lieb“. So fällt das Kind nicht in ein tiefes Loch bei Auseinandersetzungen. Es weiß dann, es wird geliebt. Immer.
  7. „Lauf den Gefühlen weg.“ Schon zweimal in der Woche á 10 Minuten Joggen helfen dir, den Stress abzubauen. Außerdem sind es 10 freie Minuten. Nur du. Frische Luft. Und deine Lieblingsmusik. Herrlich.
  8. Tapetenwechsel. Es ist wichtig, raus zu kommen. Andere Gesprächsthemen zu haben. Anderen Menschen zuzuhören. Denn auch sie haben Probleme. Deine Freunde und Nachbarn können zudem wundervolle, starke Menschen sein, die dich mit ihrem Optimismus anstecken. Das tut gut. Dir und indirekt deinem Kind.

Habe ich schlechtes Gewissen?

Manchmal komme ich mir so „falsch“ vor.

Denn mir schreiben liebevolle, tolle Menschen, dass sie mich für meine Stärke bewundern. Dabei bin ich das nicht immer. Ich suche nur überall etwas Gutes und gebe nicht auf.

Aber ich bin manchmal furchtbar müde, unfair, ungeduldig und egoistisch.

Das sind Tage, an welchen mir die Kraft ausgeht und es mich unendlich nervt, dass mein Mann tagelang im Ausland ist und ich alles alleine machen muss.

Tag und Nacht.

Ich bin böse und neidisch, weil er ausschlafen kann.

Weil sein Frühstück im Hotel immer fürstlich ist und das Kissen und sein Rhythmus ihm allein gehören.

Und weil in seinem Auto niemand mit Schuhen nach ihm wirft.

Ja, das passt wunderbar in mein Bild.

Weil ich manchmal schrecklich, schrecklich müde bin und schwach sein will.

Dann kommt mein Mann nach Hause. Erzählt, dass er vollständig angekleidet schlafen musste, weil das Hotel eine Katastrophe war.

Dass er seit gestern nur ein kaltes Autobahn-Kantine-Frühstück hatte, weil er so weit fahren musste. Ein Termin musste dringend eingehalten werden.

Ich sehe, dass er das gleiche Hemd trägt, das er vor 3 Tagen angezogen hat und seine dunklen Augenringe mit meinen konkurrieren.

Tja, dann höre ich auf mit diesen Gedanken. Denn nichts ist so leicht wie es aussieht.

Der Druck und die Erwartung an sich selbst, alles und immer richtig zu machen sind enorm. Das macht schlechtes Gewissen. Auch bei mir.

Ich darf nur den Glauben an das Heute und das Positive nicht verlieren.

Das tue ich. Und ich möchte, dass du es auch tust.

Für dich, für euch, für deine Kinder.


Erzähle mir von deinen Strategien gegen dein schlechtes Gewissen. Ich freue mich auf deinen Kommentar.

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