Overload, Meltdown, Shutdown – verstehen und helfen können

Was ist mit dir?

Ich kann nicht antworten.

Sag doch was! Warum sagst du nichts? Mama? Mama!

Mein kleiner Sohn (damals 7) geht irritiert weg. Ich höre ihn fragen: „Papa, warum sagt Mama nichts? Ist echt komisch.

Dann: „Kann ich ein Eis haben?

Wir stehen an der Rezeption. Hotel, Türkei. Es ist heiß. Und feucht. Mein viel zu warmer Pulli klebt an mir und kratzt.

Wir sind seit über 12 Stunden unterwegs. Die Jüngste (Lena) ist kaum ein Jahr alt. Sie schreit.

Zuvor ist sie erschöpft auf meinem Arm eingeschlafen. Wir wurden angerempelt.

Jetzt ist sie aufgewacht und schreit. Sie ist müde. Wir alle sind müde.

Ich stehe kurz vor einem Heulkrampf. Kann nicht sprechen. Handle wie ein Roboter. Es ist ein Meltdown.

Overload, Meltdown, Shutdown bei deinem Kind

Du kennst das wahrscheinlich von deinem Kind. Wenn alles zu viel wird.

Du siehst dir dein Kind an und weißt, du kannst nichts tun, außer da zu sein und für Ruhe zu sorgen.

Die Hilflosigkeit in den Augen des Kindes ist kaum auszuhalten. Für beide Seiten.

Am liebsten würdest du etwas tun, damit dein Kind nie wieder so leiden muss. Aber du weißt nicht was.

Und du weißt, dass du es nicht wirklich verhindern kannst. Das liegt nicht in deiner Macht.

Meistens kannst du nur da sein, wenn alles zusammen bricht. Aber das ist schon sehr, sehr viel.

Einfach da sein. Zuhören, glauben. An das Kind. An das Morgen.

Für euch beide.

Wie kommt es zu Overload, Meltdown, Shutdown?

Stufen der Erregung

Overload, Meltdown, Shutdown der Reihe nach

  1. Stufe: Körper ist geschwächt

Das können sein:

  • Müdigkeit
  • beginnende Krankheit
  • hormonelle Veränderungen
  • gedankliche Beschäftigung mit stressigen Situationen
  • seelische, anhaltende Belastungen
  • Ärger
  • Schlafdefizit
  • Angst usw.

Verhalten:

Ein Kind hat meist keine Möglichkeit, diese 1. Stufe bei sich zu bemerken. Auch für die Eltern ist diese Stufe zunächst unsichtbar. Da Autisten oft nur wenig schlafen, kann diese Stufe praktisch jeden Tag einsetzen.

Die beiden besonderen Trigger sind Geräuschbelastung ohne Rückzugsmöglichkeit und Erwartung eines unangenehmen Ereignisses.

Ich wünsche mir sehr, bereits bei dieser Phase meinem Kind helfen zu können. Aber ich sehe sie nicht immer kommen.

  1. Stufe: Reize „stauen“ sich, können nicht verarbeitet werden

Was im Körper passiert:

Gedanken quälen einen:

„Das soll aufhören. Der soll aufhören, zu reden. Sie soll nicht dieses Wort benutzen. Sie sollen nicht so einen Krach machen.“

Die Kette setzt sich fort. Lichter, Worte, Taten, Gerüche, Geräusche. Die Reize prasseln auf das Kind ein. Summieren sich.

Nicht immer ist ein aktives, zufriedenstellendes Eingreifen möglich. Z.B. man sitzt im Flugzeug, Bus oder Unterricht.

Verhalten:

Wenn unser Kind in diese Stufe kommt, dann zieht er die Kapuze über den Kopf oder geht hin und her.

Auf die Frage, ob alles ok ist, sagt er immer „Ja.“ In diesem Fall schreibe ich ihm per WatsApp.

Z.B. die Frage, wie seine Laune gerade ist. Er soll dann mit Smiley antworten. Ist es ein Smiley mit rotem Kopf oder ein weinendes Smiley, schreibe ich: „Schule?

Er schickt mir den Daumen hoch oder runter. Usw. Es ist ein Gespräch ohne Worte.

Am Ende ist meist die Schule „das Problem“. Ich schreibe dem Kind, dass ich das Problem nun kenne und versuchen werde, es zu lösen.

Das entspannt viele Situationen.

  1. Stufe: Es kommt zu Reizüberflutung – Overload

Was im Körper passiert:

Die Reize beginnen sich so sehr zu stauen, dass sie das Verhalten und die Wahrnehmung verändern. Adrenalin „überflutet“ den Körper.

Es kommt zu körperlichen Stressreaktionen:

Hände und Füße schwitzen, sind kalt. Der Mund ist trocken. Dem Kind könnte schwindelig werden.

Die Reize werden immer stärker wahrgenommen.

Es blinkt, spricht, kracht und wirkt auf das autistische Kind ein.

Kann sich der Mensch dieser Situation nicht entziehen oder sie beenden, kommt es zu einer noch höheren Erregung.

Verhalten:

In dieser Situation sind die Kinder bereits unruhig. Manche Kinder setzen sich im Unterricht unter den Tisch. Halten sich die Ohren zu.

Oder versuchen sich mit wiederholenden Bewegungen zu beruhigen. Das ist wichtig und stellt eine Selbsthilfemöglichkeit dar. Leider führt gerade diese beruhigende Bewegung oft zu Diskrepanzen im Unterricht.

Die Lehrer möchten, dass das Kind mit der ungewöhnlichen Bewegung aufhört. Nun wurde das Kind seiner Selbsthilfemöglichkeit „beraubt“. Das führt zu noch mehr Anspannung.

Für Eltern:

Für Entspannung sorgen. Immer im Kopf behalten, was das Kind besonders gerne macht.

Ist es ein Comicsheft, Legoset oder die Steinsammlung? Das Kind muss sich abschirmen können (RW).

Die Lieblingsbeschäftigung sorgt für schnelle Entspannung.

Kopfhörer aufsetzen, wenn das Kind es mag.

In dieser Phase sind keine Hausaufgaben möglich. Am besten gleich einen Zettel mit Entschuldigung schreiben. Das Kind und seine Gesundheit sind wichtiger.

  1. Stufe: Meltdown

Was im Körper passiert:

Das Adrenalin bewirkt eine stark herabgesetzte Schmerzwahrnehmung.

Extremitäten werden weniger Durchblutet. Das Gesicht wird blass.

Der Magen und die Blase stellen ihre Arbeit ein, was zum Durchfall, Erbrechen und/oder Einnässen führen kann.

Es ist ein Überlebensmodus. Die Handlungsfreiheit ist sehr stark eingeschränkt. Sprachfähigkeit geht verloren. Reflexe übernehmen „das Kommando“.

In diesem Zustand ist der Mensch für Worte nicht empfänglich. Zu viel reden kann sogar die Situation verschlimmern.

In dieser Stufe wird um sich geschlagen und gewütet. Die Verzweiflung ist groß. Tränen fließen.

Verhalten:

Ist es zu einem Meltdown gekommen, ist es für Prävention zu spät.

Die gesamten Reserven des Körpers werden entleert. Heftig, laut und auf einmal.

Da der Körper sozusagen ums Überleben kämpft, spüren die Kinder keine Schmerzen. Sie handeln im Affekt.

Sie würden sich sehr gerne anders verhalten, aber in diesem Moment geht es nicht.

Also: Ruhig bleiben.

Denke an einen Arzt, der zu einem Notfall gerufen wurde.

Ja, es ist eine Ausnahmesituation.

Ja, es ist für alle belastend.

Würde der Notarzt aber jetzt selbst in Tränen ausbrechen, wäre er keine Hilfe für den Verletzten mehr.

Weinen kannst du später. Das tut sogar ganz gut für deine Gesundheit. Nur später.

Jetzt bist du die Notfallärztin.

     5. Stufe: Shutdown

Was im Körper passiert:

In diesem Stadium sind die Sinne überlastet. Sie schalten sich ab. Eine Art Apathie oder völlige Erschöpfung setzen ein.

Die Natur hat es so eingerichtet, dass der Körper, ab einem gewissen Adrenalinpegel, keine Schmerzen mehr empfinden oder auf sie nicht mehr adäquat reagieren kann.

Bei einem Meltdown und/oder Shutdown werden sämtliche Reserven geleert. Das kostet viel Kraft. Aus diesem Grund ist das Kind auch am nächsten Tag erschöpft und „niedergeschlagen“.

Der Körper und mit ihm alle Hormone, auch die die für Glücksgefühle zuständig sind, müssen sich zunächst erholen. Die Kraftreserven müssen aufgefüllt werden.

Verhalten:

Bei einem Shutdown „leidet“ das Gedächtnis. D.h. das Kind ist nicht ansprechbar und kann sich später an den Zusammenbruch evtl. nicht erinnern. Bei mir „fehlen“ z.B. ganze Monate meiner Kindheit.

Gib dem Kind die Möglichkeit, sich zu erholen. Sei da, zeige Verständnis, schimpfe nicht.

Und noch ganz wichtig: So wenig wie möglich reden. Und wenn, dann nur positiv.

Dein Kind benötigt nach einem Shutdown/Meltdown viel, viel Liebe. (Aber das weißt du ja. Und vergiss nicht, selbst Kraft zu tanken.)

Overload, Meltdown, Shutdown

Wie können Eltern helfen? Kurzfassung

  • Ruhig bleiben
  • Wenig reden
  • Reize minimieren
  • Verständnis zeigen
  • Wenn möglich, einen geschützten Raum bieten. Zu Haus – Zimmer ohne Menschen/Geschwister. Im Flugzeug oder Bus – Kopfhörer.
  • Ein zu großes Drum-Herum kann zusätzliche Aufregung bringen. Also nochmal: ruhig bleiben. Zumindest äußerlich.

 

Gerne gebe ich den wertvollen (von mir versäumten) Hinweis weiter:

Der Shutdown muss sich nicht zwangsläufig an den Meltdown anschließen. Ein Shutdown kann auch direkt nach einem Overload einsetzen.

(Vielen Dank an dieser Stelle an Alex Kauk von der bekannten Social-Media Plattform.)


Die Beschreibung des Overloads am Abend könnte dich auch interessieren.

Kennst du solche Situationen von dir oder deinem Kind? Bist du vielleicht neurotypisch und kannst mir erzählen, ob man das oben Beschriebene nachvollziehen kann?

Mich interessiert deine Sicht. Freue mich auf deine Meinung.  

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