Interview mit Asperger-Autistin und Schriftstellerin Marion Schreiner

Interview mit Asperger-Autistin Marion Schreiner
Bild: Marion Schreiner

Liebe Marion, Du bist diagnostizierte Asperger-Autistin, Autorin und Bloggerin.

Seit wann hast Du die Diagnose?

Seit knapp 5 Jahren. Ich bekam sie, als ich 48 Jahre alt war.

 

Ich werde oft gefragt, warum ich die Diagnose unbedingt brauche. War es bei Dir Zufall oder suchtest Du gezielt Ärzte auf, um die Diagnose Asperger-Autismus bestätigen zu lassen?

Ich suchte gezielt Ärzte auf, weil ich eine Bestätigung meiner Vermutung haben wollte. In meinem Leben waren so viele Dinge schiefgelaufen, wofür ich nie eine Erklärung hatte. Natürlich wird alles mögliche dafür als Erklärung genommen, aber es hörte einfach nicht auf.

2011 erfuhr ich durch Zufall von einem Freund von dem Asperger Syndrom und wurde aufmerksam. Ich begann darüber zu lesen und fand für all meine Probleme, Wahrnehmungen und Reaktionen eine Erklärung. Als ich ganz sicher war und auch meine Art, wie ich in meiner Kindheit und Jugend gelebt hatte, wiederfand, nahm ich mir einen Termin für eine Diagnose.

 

Was hat sich seitdem verändert?

Vieles, um nicht zu sagen, fast alles.

Ich konnte zunächst dieser Drehtür entkommen, aus der ich nicht herausfand. Damit meine ich, dass ich immer nur darauf fixiert war, mich allem und jedem anzupassen und meine Persönlichkeit über viele Jahre komplett verlor, so dass ich sehr krank wurde.

Mit der Diagnose bekam ich den Tipp „Sie müssen jeden Menschen, der Sie belastet, abschaffen“. Das hörte sich auf Anhieb schlimm an, aber das war die Lösung. Ich brach unter der Belastung von zu vielen Menschen zusammen, die mich forderten und immer Sachen von mir erwarteten, denen ich nur mit großer Mühe nachkommen konnte.

Ich dachte ja immer, dass ich falsch und die anderen richtig sind. Also verbog ich mich bis zur Unkenntlichkeit und verlor den Blick für mein eigenes Wohl. Mir waren viele Dinge sehr schnell zu viel und Menschen überforderten mich sehr oft. Ich sehnte mich immer nach Ruhe und Alleinsein, was in einer Gesellschaft natürlich merkwürdig aussieht. Also praktizierte ich die Anpassung, um nicht aufzufallen.

Was also hat sich genau verändert? Ich habe die Menschen herausgefiltert, die mich nicht überforderten und zu allen anderen den Kontakt abgebrochen oder langsam einschlafen lassen. Weiterhin bin ich in eine Gegend gezogen, die sehr ländlich an der Küste liegt und in der sehr wenig Menschen leben. Das beruhigt mich sehr und ich kann immer Plätze finden, an denen ich zur Ruhe komme.

Ich habe Feiern und Partys abgeschafft, die mich permanent überforderten und treffe mich nur noch hin und wieder mit Menschen, die mir guttun. Ich verbringe soviel Zeit wie möglich alleine, um meinem Spezialinteresse Bücherschreiben nachzukommen. Seitdem ich diese Dinge über mehrere Jahre verändert habe, geht es mir viel besser. Meine autistischen Merkmale haben sich merklich verringert.

Interview mit Marion Schreiner
Bild: Marion Schreiner

Wie gehen Deine Kinder/Dein Umfeld damit um?

Meine Kinder gehen großartig damit um. Sie unterstützen mich in jeder erdenklichen Weise und pflegen zu mir einen sehr guten Kontakt.

Mein Mann geht ebenfalls großartig mit mir um und tut alles, um mir dieses neue Leben einzurichten und zu erhalten.

Nicht so einige Menschen, die mir einmal sehr wichtig waren. Sie zeigen überhaupt kein Verständnis für meine Wünsche, Bitten und Vorstellungen und betrachten mich als „psychisch krank“, was Menschen mit Asperger Syndrom immer wieder zu hören bekommen.

Mein Umfeld hat sich dadurch sehr verkleinert und es bleiben nur noch die Menschen übrig, die mit autistischen Menschen klarkommen.

Über das Internet gewann ich aber neue Freunde dazu, als ich eine Gruppe für Asperger Betroffene gründete. Die tun mir sehr gut und wir haben einen fantastischen Austausch, so dass sie zum Teil nähere Freunde für mich sind, als die in meinem Lebensumfeld. 

Marion Schreiner Interview

Bild: Marion Schreiner

Du bist Autorin. Ich habe alle Deine Bücher über Autismus gelesen. Die „Denkmomente“. Die anderen Bücher leider nicht. Ich bin ein ausgesprochener Angsthase (RW). Diese anderen Bücher schreibst Du in England. Wovon handeln diese Bücher?

Mein Spezialinteresse ist die Psychologie und das Schreiben von Büchern. Also habe ich das verbunden und schreibe Psychothriller. Darin beschreibe ich in einer spannenden Geschichte die psychologische Entwicklung von einem Opfer durch Misshandlung und Missbrauch zum Täter, der später tötet. Meine Stärke liegt darin, den Lesern eine solche Entwicklung zu erklären.

Ziel meiner Bücher: mehr Sensibilität und Hilfe für die Opfer, aber kein Verständnis für die Täter. Ich habe im Laufe meines Lebens als gelernte Erzieherin vieles erlebt, gesehen und gelesen. Für mich erscheint diese Form der Geschichten als notwendig und wichtig, denn nur das, was der Mensch versteht, kann er ändern. (Sehr schöner Satz. Anmerkung von Tanja)

 

Beim Schreiben entstehen ja bestimmte Gefühle. Wie fühlst Du Dich dabei? Hast Du danach Angst oder kannst Du die fiktive Situation von der realen trennen? (Ich kann z.B. keine Detektivgeschichten lesen.)

Ich fühle mich beim Schreiben immer sehr gut. Es ist ein Ventil für mich, Druck, Angst und Wut loszuwerden. Ich verbinde keine Ängste damit und kann sehr gut die fiktive Situation von der realen trennen.

Doch ich mag es auch, während dem Schreiben in der fiktiven Welt zu sein und Gefühle darüber zu transportieren. Ich habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn in mir, den man in meinen Büchern gut spüren kann.

 

In Deinen Büchern über Autismus schreibst Du von den 4-Jahres-Rhythmen, nach welchen Du die jeweilige Tätigkeit abbrichst. Ist das immer noch so? Bleibst Du uns als Autorin erhalten?

Ja, diese Rhythmen sind mir erst viel später aufgefallen und sie gehören Tätigkeiten an, die ich nur mit großer Mühe verrichten konnte. Ich brach regelmäßig alle 4 Jahre unter der Last zusammen.

Als Autorin verspüre ich überhaupt keine Last, im Gegenteil, es ist für mich pure Erholung. Was mich allerdings belastet, ist der Wettbewerb und die Werbung, um meine Bücher zu vertreiben. Ich mag keinen Wettbewerb und doch ist er der einzige Weg, mich als Autorin bekannt zu machen.

Wenn der Druck von außen zu stark wird, wird er sich auf das Schreiben auswirken und mich lähmen. Ich versuche ständig, den Blick nur auf das Schreiben meiner Geschichten zu wenden, um mir die Freude zu erhalten. Immerhin halte ich diesem Job schon 7 Jahre stand. Mit dem Buchschreiben habe ich 1995 begonnen, also vor 22 Jahren.

Interview mit Marion Schreiner
Bild: Marion Schreiner

Gibt es autistische Züge, die Du an Dir magst?

Ja, natürlich. Ich mag z.B. die Intensität, mit der ich mein Spezialinteresse betreibe, meine Bücher psychologisch aufbaue und schreibe. Die Genauigkeit und den Blick fürs Detail. Ich trenne Unwichtiges von Wichtigem.

Ich mag meine Freundlichkeit, mit der ich auf Menschen zugehe und meine Liebe zur Natur und den Tieren. Ich mag meine Ehrlichkeit, die ich jetzt zeigen darf, nachdem ich mein Leben verändert habe.

Ich mag es, die Welt in stärkeren und intensiveren Farben zu sehen.
Ich mag es, mit Menschen über meine Interessen zu diskutieren.  

Ich mag meinen Blick für die Hilfsbedürftigkeit anderer Menschen, solange sie dies nicht ausnutzen.
Ich mag es, allein zu sein und meine Umgebung mit allen Sinnen genießen zu können.

Ich mag meine Sicht von Fairness und Gerechtigkeit.
Ich mag meine Neugier auf ungewöhnliche Dinge.
 

 

Und welche, die Dich stark behindern oder stören?

Ich mag es nicht, ausgenutzt zu werden, weil ich nicht „nein“ sagen kann.
Ich mag meine Überwahrnehmung von Geräuschen, Gerüchen und Bewegungen nicht, weil sie mich behindern, mich in der Öffentlichkeit entspannt zu bewegen. Also auch keine Partys oder Geburtstagsfeiern.

Ich mag es nicht, wenn sich mein Kopf noch mit Begegnungen beschäftigt, die schon lange vorbei sind, weil ich ständig darüber nachdenke, etwas falsch gemacht zu haben.
Ich mag es nicht, keine Entspannung zu empfinden, wenn andere Menschen um mich sind. Ich kann dann nicht abschalten.

Ich mag es nicht, dass meine Emotionen immer weiter ausschlagen, als sie sollen, ich also schneller wütend oder enttäuscht bin, als es gut für mich wäre.

Ich mag meine Overloads, Meltdowns und Stigmas nicht.
Ich mag meine fehlende Aufmerksamkeit bei fremden Gesprächen nicht.

Noch etwas…

Ich mag meine Unsicherheit bei fremden Menschen und Situationen nicht. Überhaupt alles, was mich schneller aus der Bahn wirft, als bei nicht autistischen Menschen.

Ich mag keine Überraschungen, weil ich oft nicht spontan darauf reagieren kann.
Ich mag meine fehlende Intuition und meinen fehlenden Instinkt nicht, weil ich Situationen und Menschen oft nicht einschätzen kann und dadurch immer wieder in unangenehme Situationen gerate.

Ich mag meine fehlende soziale Interaktionsfähigkeit nicht, weil ich dadurch nur schwer sicher auf Menschen zugehen kann.

Ich mag es nicht, wenn ich mal wieder zu langsam oder falsch reagiere und mich lächerlich mache. Deswegen meide ich Menschen immer mehr.  

 

Ich habe festgestellt, dass wenn sich eine, für mich störende, autistische Eigenschaft verabschiedet, dann nimmt sie immer eine Stärke mit (RW). Ist das bei Dir auch so?

Bei mir hat sich noch nie eine Eigenschaft verabschiedet. Sie kann zwar durch die Umgebung oder den Umgang abgeschwächt sein, aber keine Eigenschaft verschwindet bei mir. Es ist allerdings so, dass wenn störende Eigenschaften abschwächen, ich mehr Energie für meine Stärken finde.

 

Welche Veränderungen wünschst Du Dir? Aus politischer, menschlicher und/oder ärztlicher Sicht.

Ich wünsche mir generell, dass die Menschen nicht immer so schnell über alles richten oder in Schubladen stecken.

Dass Systeme aufbrechen und alle Menschen in ihrer Art daran teilhaben lassen. Dass zu schnelles Verurteilen aufhört und vieles positiver verstärkt wird.

Warum beurteilt der Mensch nur die Fehler im Diktat und nicht das Gelungene?

Politisch:

In politischer Hinsicht wünsche ich mir, wie wohl viele, dass Menschen an die Regierung kommen, die sowie in sozialer als auch in respektvoller Hinsicht ihr Land regieren und die Gerechtigkeit und Fairness als Handlungsgrund Nr.1 anführen. Dann würden viele Menschen, gesünder, liebevoller und „reicher“ leben, nicht nur in Hinblick auf das Geld. Es würde die ungerechten und gierigen Menschen ausbremsen und viel Humanität in die Gesellschaft bringen.

Ärztlich:

In ärztlicher Hinsicht muss ich erst einmal bemerken, dass es sehr viele tolle Ärzte auf der Welt gibt, die meinen ganzen Respekt haben.

Ich würde mir für meinen Fall wünschen, dass autistische Menschen durch bessere ärztliche Ausbildung im Bereich Autismus in ihren körperlichen und psychischen Problemen wahrgenommen werden und die Diagnose-Kriterien auch die „verkappten und versteckten“ Betroffenen besser erfasst.

Dass die Ärzte mehr zuhören und autistische Menschen ernster in ihren Aussagen nehmen. Wir können uns leider nicht so gut mit unserem Leid mitteilen, weil es uns schwerfällt, uns oft angemessen mitzuteilen.

Möchtest Du noch etwas Persönliches loswerden? Fragen, Anregungen, Wünsche.

Erst einmal bedanke ich mich für dieses tolle Interview und die Zeit und Mühe, die dahinterstecken.

Persönlich wünsche ich mir ganz viele Brücken auf dieser Welt zwischen autistischen und nichtautistischen Menschen und die gegenseitige und respektvolle Ergänzung in privater, sozialer und beruflicher Hinsicht.

Vielen Dank!
Mit vielen Grüßen, Marion Schreiner

 

Vielen herzlichen Dank meinerseits! Für Deine Zeit, Mühe und das tolle Interview!
Es hat Spaß gemacht und ich werde nie genug davon bekommen, die Menschen und ihre Welt kennen lernen zu wollen. 


Wer mehr von Marion Schreiner und dem Autismus lesen möchte, hier der Blog:

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