Herausfordernde Situation – was ist das?

Dieser Artikel darf mit freundlicher Genehmigung der Herausgeberin Christiane Bach aus der Ausgabe dez 18/jan 19 der Familienzeitschrift "Zappelino" abgedruckt werden.

Herausfordernde Situation – was ist das?

Für viele Menschen ist sie mit einem schreienden Kleinkind an der Supermarktkasse verbunden. Es ist die s.g. Trotzphase und diese geht vorbei.

Bei unseren Kindern sieht es oft nach der gleichen Phase aus. Mit dem Unterschied, dass unsere Kinder bereits Teenager sind und aus einem ganz anderen Grund überfordert sind.

Meist ist es ein Zuviel.

Zuviel an Licht, Geräuschen, Eindrücken, Menschen oder Erwartungen. Wir alle kennen diese Situationen. Wir alle haben sie erlebt und doch schleicht sich stets ein fieses Gefühl in unsere Köpfe ein. Wir fühlen uns allein. Allein mit unseren Sorgen, Problemen und Schwierigkeiten, die sich doch so stark in ihrer Ausprägung und Intensität von den Problemen anderer Eltern unterscheiden.

Wer sind denn diese „wir“?

Wir sind die Eltern vom autista-Stammtisch. Eltern von autistischen Kindern und/oder Kindern mit ADHS.

Was fühlen wir Eltern, wenn wir in der „Klemme stecken“?

Wir haben Angst, dass wir etwas falsch machen oder, dass wir die Situation nicht schaffen werden.

Wir sind verwirrt, weil doch gerade alles gut war und wir den Auslöser nicht bemerkt haben. Unser Kind ist verzweifelt, es weint und wir wissen nicht, wie wir helfen können.

Überforderung ist unsere treue Begleiterin. Manchmal ist uns alles zu viel. Unsere Tochter kann seit Wochen nicht in die Schule; unser Sohn kann kein Essen zu sich nehmen; die Nächte sind seit Jahren superkurz und wir kommen an unsere Grenzen. Denn das restliche Leben, mit Arbeit, Verpflichtungen und Familie muss ebenfalls bewältigt werden.

Traurig sind wir über die Vorstellung, die genau das bleiben wird – eine Phantasiegeschichte über das glückliche Leben in der Mittelschicht. Gemeinsames Abendessen, Urlaube, Schullaufbahn, Freunde des Kindes. Alles ist anders, als wir es uns vorgestellt haben. Anders, als es die Werbung zeigt. Es ist anstrengender, ungewöhnlicher und oft kompromisslos.

Wut, weil es manchmal absolut nichts bringt und das Problem nicht verschwindet. Unser Kind schläft nicht durch. Dabei haben wir gefühlt alles ausprobiert.

Wir sind stolz und überglücklich, wenn unser Sohn oder unsere Tochter, eine Fähigkeit entwickelt, die jahrelang unmöglich schien. Plötzlich steht das Kind da, mit gebundenen Schnürsenkeln und strahlt. Dabei ist das Kind vielleicht längst ein Teenager.

Was brauchen wir?

Zuspruch von unserem Umfeld. Sie müssen uns nicht verstehen, einfach da sein, uns in den Arm nehmen und schweigen.

Information – das ist das wichtigste Gut überhaupt. Wenn unser Kind autistisch ist, möchten wir wissen, was die Überforderung ausgelöst haben könnte. Wenn es ein Kind mit körperlicher Behinderung ist, möchten wir wissen, was dem Kind gerade jetzt helfen könnte. Wenn es ein Kind ohne Beeinträchtigung ist, möchten wir wissen wie es andere Eltern machen.

Was tun sie, um ruhig zu bleiben? Tun sie überhaupt was? Oder sind wir die einzigen mit diesem Problem?

Niemand soll uns ein Patentrezept geben. Nur die Zutaten benennen. Das fertige Produkt basteln wir schon selbst.

Pause. Eine Zeit, in der sich nichts, absolut gar nichts, um Probleme dreht. Weder unsere, noch die unserer Kinder. Wobei wir in manchen Momenten das Eine vom Anderen nicht mehr unterscheiden können.

Wir brauchen schnelle, unbürokratische Hilfe und einen kompetenten Ansprechpartner. Beides finden wir bei ASB und besonders Fr. Rogè-Kühner.

Der Stammtisch ist unser Netzwerk. Er ist sogar mehr als das – er ist unser Sicherheitsnetz mit doppeltem Boden. Hier können wir lachen, weinen und uns fallen lassen. Keiner fällt weiter, als er aushalten kann. Wir fangen uns gegenseitig auf, sprechen miteinander, teilen unsere Erfahrungen. Und spätestens dann, wenn der Satz: „Das kenn ich auch!“ fällt, ist die Anspannung weg.

Was brauchen wir nicht?

Erziehungstipps von fremden oder gar nahen Menschen.

Autismus ist unsichtbar. Ein autistisches Kind verhält sich nur für die Menschen komisch oder gar ungezogen, die sich mit der Thematik nicht auskennen. Sobald man sich für die Wahrnehmung dieser Kinder öffnet, wird alles logisch und nachvollziehbar.

Schuldzuweisungen – denn, auch dann, wenn der Mensch völlig zu Recht die Mutter oder den Vater beschuldigt, hilft das niemanden. Besser ist, einfach zu fragen, ob die überforderte Erziehungsperson Hilfe braucht. Und sei es auch nur in Form von „Einkäufe tragen“.

Unflexible, starre Erziehungs- und Schulsysteme machen allen Eltern zu schaffen. Eltern von autistischen und ADHS-Kindern besonders oft, da man ihren Kindern die Schwierigkeiten nicht ansieht. Diese Kinder sind oft hoch intelligent und die Erwartung, dass sich diese Intelligenz auf alle Lebensbereiche erstreckt, ist nicht zu erfüllen.

Ärzte und Fachkräfte, die uns nicht ernst nehmen, die Angst vor der elterlichen Einmischung haben. Fachkräfte, die es versäumen, uns einzubinden und mit uns an einem Strang zu ziehen. Stattdessen verlieren wir Zeit und Kraft. Ressourcen, die wir am liebsten für das Kind einsetzen würden. Wir rennen vom Amt zu Amt, von einer Arztpraxis zur nächsten. Wir erklären uns, bitten und betteln. In dieser Zeit, genau jetzt, braucht das Kind und wir Eltern Hilfe. Nicht später. Nicht erst dann, wenn eine Bescheinigung oder ein Attest unsere Worte bestätigen.

Wofür schämen wir uns?

Manchmal sind wir unfair. Wir sagen etwas im Affekt und wissen, schon während wir es aussprechen, wie hässlich das klingt und böse. Aber es ist zu spät. Die Worte sind raus.

Manchmal gießen wir Öl ins Feuer. Obwohl wir es besser wissen und obwohl wir die Folgen kennen. Wir tun`s.

Wir machen Fehler. Große und kleine.

Wir verlieren die Geduld und schämen uns manchmal für das Verhalten unserer Kinder.

„Die ist aber fett!“, sagt unser 14-Jähriger laut über die Frau, die in unmittelbarer Nähe steht. Dem Kind sind die Auswirkungen seiner Worte nicht bewusst. Uns und der Frau vor uns schon.

Wir erklären dem Kind, dass es die Gefühle der Frau verletzt, wenn das Kind so etwas sagt. Das Kind versteht. Bei der nächsten Frau sagt der Sohn aber das Gleiche, denn er weiß nicht, dass wir unsere Aussage global meinten. Das Kind versteht: „Genau diese eine Frau sollte nicht mehr so genannt werden. Von allen anderen hat die Mama nichts gesagt.“

Wofür schämen wir uns nicht?

Wir sind nicht perfekt. Und das ist gut. Wir sind ein Vorbild für unsere Kinder. Und die sollen wissen, dass es in Ordnung ist, nicht perfekt zu sein.

Dass es total ok ist, schwach zu sein, Fehler zu machen, wieder aufzustehen, sich zu entschuldigen und weiter zu machen. Nur besser.

An machen Tagen wollen wir keine Mama, kein Papa und auch keine Therapeuten unserer Kinder sein. Wir wollen Freund/in, Schwester oder Bruder sein. Einfach ganz normale Menschen, mit Schwächen und Macken.

Was können wir gut?

Aufstehen – wir sind wahre Überlebenskünstler. Ja, wir wissen manchmal nicht weiter. Ja, wir sind ab und zu hilflos. Aber wir stehen auf. Wir richten uns auf und stellen uns schützend vor das Kind. Denn wenn wir es nicht tun, wer dann?

Wir sind stark und wir können das. Nur ab und zu sollten wir daran erinnert werden. Liebevoll, freundschaftlich. Am besten mit Schokolade und einem unangemeldeten Besuch von Freund/in.

Informationen sammeln – wir sind wissensdurstig, interessiert und wild entschlossen, jede vorhandene Information zu sammeln, zu verarbeiten und anzuwenden. Nichts wäre uns lieber, als, dass es unseren Kindern besser geht.

Wir sind Optimisten – denn in jeder noch so ausweglosen Situation können wir das Positive entdecken. Unsere Tochter kann den Vortrag in der Schule nicht halten?  Na und? Dafür kann sie alle nötigen Informationen über das Thema beitragen. Ohne Internet und Bücher. Aus dem Kopf heraus. Nur das Vortragen, das muss jemand anderer übernehmen.

Wir wissen, dass es weiter geht. Immer weiter.

Liebe Leserin, lieber Leser!

Glaube nicht der leisen Stimme, die Dir einredet, Du seist allein. Wir alle kennen die Kälte, die aus diesem schwarzen Loch weht, in dem Du Dich vielleicht gerade befindest.

Es gibt Hilfe. Es gibt Freunde und Menschen, die bereit sind zu helfen. Du musst nur die Hand ausstrecken, zum Telefonhörer greifen und Hilfe holen. Du bist nicht allein. Wir sind viele.

Tanja Erdmann im Namen aller Eltern von autista-Stammtisch Heilbronn Unterfranken.


Bilder: pixabay

User: rawpixel

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