Gefühle der anderen – Warum Autisten sie nicht aushalten können

Der vermeintliche Auslöser

​Es war ein gewöhnlicher Nachmittag.

Drei dicke Ordner drückten auf meinen Arm.​
Ich war unterwegs zu unserem Steuerberater. Jeden Monat, am 10. bringe ich die neue Buchhaltung hin und hole die vom letzten Monat ab.

Alles wie gewohnt.

​Doch ich ​war gestresst. Neben dem Einkaufszentrum brüllte ein Kind. Seine Mama, es war ein kleiner Junge, versuchte ihn zu beruhigen. Aber es klappte nicht. Das Kind ​schrie weiter. Die Menschen schauten hin. Manche guckten betroffen, manche schüttelten den Kopf. Niemand konnte helfen.

Mir ​war schlecht. Dieses Schreien g​ing mir nah. ​Viel zu nah. Es legte mich praktisch lahm. Ich musste da weg.

​Die Unterlagen wurden abgegeben, die neuen Ordner mit der Firmenbuchhaltung nahm ich wieder mit. 

​Zu Haus angekommen, ging es mir immer noch schlecht. Ich verstand nicht warum.

Ablenkung dringend nötig

Das Gefühl wurde immer stärker. Ich hatte immer noch das brüllende Kind vor Augen. Ich begann zu kochen und aufzuräumen. Bald würden die Kinder kommen. Wäsche kam in die Waschmaschine, etwas zu bügeln gab es auch.

Am Abend, als das letzte Kind gegessen und ich die 2. Spülmaschinenladung ausgeräumt hatte, setzte ich mich auf die Couch. Genau in der Sekunde ging die Tür auf. Mein Mann kam von der Arbeit. Wollte etwas erzählen.

Letzter Tropfen

Das war zu viel.

​Ich wollte nicht reden, wollte nicht zuhören. Mich beschäftigte, Stunden danach, das weinende Kind.

Warum ging es mir so dermaßen schlecht?

​Äußerlich war ich wie immer, aber innerlich war ich kurz vor einem Weinkrampf.

In Gedanken ging ich den Tag rückwärts durch.

Wann kam das Gefühl der Verzweiflung? - Als das Kind schrie.

​Wann wurde es schlimmer? - Als ​mich das Bild des Kindes in Endlosschleife beschäftigte.

Der letzte Tropfen? - Als mein Mann ​von der Arbeit kam. Eine Person mehr, die Informationen aussendete.  

Und immer dieses Gelernte

Das ​Schreien des Kindes hat mich besonders erschüttert.

Woher kannte ich dieses Gefühl?

​Es müsste so 1983 oder 1984 gewesen sein. Wir lebten damals im Studentenwohnheim. Meine Mutter legte mich schlafen und wollte nur schnell etwas von der Nachbarin holen. Eier oder Mehl, ich weiß es nicht mehr.

Im Studentenwohnheim durfte ich mit meinen 1 oder 2 Jahren nicht alleine umherlaufen. So schloss meine Mutter vorsorglich das Zimmer ab und rannte zur Nachbarin. 

Ich hörte den Schlüssel, wachte auf und begann zu schreien. Das Gefühl dieser Panik, dieses Alleingelassen-Werdens brannte sich fest in mein Gedächtnis.

Meine Mutter war nach wenigen Minuten da. Ich wurde nicht verlassen. Und aus heutiger Sicht, finde ich es in Ordnung, das Zimmer abzuschließen, damit ein Kleinkind nicht weg rennt oder (noch schlimmer) durch Besucher erschreckt wird. Es schläft ja. 

Dieses Bild, mit all den Emotionen, war so klar wie ein Film. Ich konnte es mir anschauen.

Ich war so dankbar für diese Rückblende. Denn es war auf einmal alles logisch.

​​Kein Filter

​Es ist ​bekannt, dass das autistische Gehirn zu viele Informationen von außen empfängt. ​Es ist stets ​durch zu viele Reize überlastet.

Aber wenn die Informationen von außen ungefiltert und zu intensiv einwirken, warum sollte es innen anders sein? 

Mit anderen Worten: Wenn ich die Reize von außen übermäßig empfange, dann müsste ich meine eigenen Reize auch übersteigert wahrnehmen und speichern.

Das bedeutet, dass ich die (aus heutiger Sicht) banale Situation aus der Kindheit nicht nur als lebensbedrohlich wahrnahm, sondern auch abspeicherte, und folglich mein Leben lang als Schablone auf alle ähnlichen Situationen anwendete.

Henry Markram, ein bekannter Hirnforscher, ​erzählt in einem Interview über seinen autistischen Sohn:

"​Wenn ich in einen gelben Tisch stolpere, dann sag’ ich mir selbst, dass ich nicht aufgepasst habe, entspanne mich wieder und weiß, dass gelbe Tische nicht per se schlecht sind. Wenn Kai in einen gelben Tisch stolpert, dann vergisst er das nie..." (​Das ganze Interview hier)

So empfand ich das Schreien dieses Kindes mit der gleichen Intensität wie damals mit 1 oder 2 Jahren. Mein Gehirn hatte es als gefährlich gespeichert.

Schreiende Kinder = Lebensgefahr.

Und dieses "Drama" reicht noch viel weiter. Jedes Mal, wenn ein Kind weint, unterstelle ich ihm ganz automatisch diese verzweifelten, lebensbedrohlichen Gefühle, die ich damals ​empfand.

Henry Markram ​über Autisten:

"Ihr Gehirn ist unfähig, eine negative Erfahrung einzuordnen und durch eine positive Erfahrung oder auch nur das Ausbleiben einer Wiederholung zu überschreiben." (​Interview hier)

​Gefühle der anderen - kann ich sie wirklich kennen?

Ich saß also auf meinem Bett und fragte mich, kann ich denn absolut sicher sein, dass dieses Kind so verzweifelt war wie ich damals?

War ich schon mal ​als Kind müde oder einfach sauer, weil ich nicht die 3. Kugel Eis bekam?

Ja, natürlich! Auch wenn ich autistisch war, war ich nur ein Kind, das auch mal wütend wurde. Es war ja nicht jedes Mal ein Overload.

Was hat das alles mit deinem Kind zu tun?

​Hattest du schon mal eine Situation, in der dein Kind die Gefühle der anderen nicht aushalten konnte? Auch dann, wenn es dem Betreffenden selbst nach einigen Minuten bereits ausgezeichnet ging? Dein Kind aber war für lange Zeit davon so sehr betroffen, dass es der Situation in ihrer Intensität nicht mehr gerecht war?

​Es könnte sein, dass dein Kind ein ähnliches Gefühl erlebt und als zu intensiv gespeichert hat. Und jetzt denkt dein Kind, jeder Mensch empfindet diese grenzenlose, lebensbedrohliche Verzweiflung.

Wenn dein Kind etwas größer ist, kannst du ihm dieses Beispiel vielleicht vorlesen. Vielleicht hilft es euch im Alltag.

Ich für mich und mein Kind empfand eine ungeheure Erleichterung. Denn es wurde mir bewußt, dass die Menschen, v.a. neurotypische, nicht zwangsläufig ​mein übersteigertes Gefühl empfinden müssen. ​

Vielleicht war das brüllende Kind einfach nur müde oder sauer.

Möglich wäre es.

​Die Security deines Kindes

Wir können das Ganze aus der positiven Seite betrachten. Das autistische Gehirn ist eine Art überengagierte Security. Eine Schutzeinheit, die weit über das Normale hinausgeht. ​

Nur ​kann sich das mit der Zeit wie ein Käfig oder eine Haft anfühlen.

Unsere Aufgabe als Eltern ist es, der Security des Kindes in minikleinen Schritten zu erklären, dass die gelernten Mechanismen nicht bei jedem Menschen in gleichem Maße wirken. ​

Hier möchte ich dem bekannten Hirnforscher, Henry Markram, widersprechen:

​"Doch, es ist möglich, das Gelernte zu überschreiben. In kleinen Schritten und immer wieder."

Bleibe positiv. ​Sei du selbst.

Alles Liebe

Deine Tanja

Bilder: pixabay.com/de user: ​Alexas_Fotos

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