5 gute Gründe, Filme zu genießen – auch wenn dein Autist sie hasst

Ich hasse sie.

Diese kleinen, fiesen, fest angenähten Fetzen Stoff an der Innenseite meiner Hose – die Etiketten.

Unser Großer (Autist, 13 J.) hasst Filme. Allein kann er sich einen Anime-Film anschauen. Oder zehn.

Aber nur allein.

Mein Mann hasst Massagen. Die beiden Kleinen den Gemüseauflauf.

So ist das in unserer Familie.

Jeder hasst, Pardon tut, was er kann.

Das war nicht immer so locker.

Früher, als wir das Wort Autismus noch nicht kannten, fragten wir die Kinder oft, ob wir uns einen Film anschauen möchten. Gemeinsam.

Bei dem Wort Film rannte unser Großer wahlweise wütend-still oder weinend-verzweifelt aus dem Zimmer.

Wir wussten nicht warum.

​Filme schauen mit Autisten - ist es dir dennoch wichtig?

Alles gut und schön, denkst du.

Aber dir ist es doch sooo wichtig.

Du möchtest doch so gern mit deinem autistischen Kind (oder Partner) zusammen den Film anschauen.

Gut, gut.

Machen wir ein Experiment.

Kaufe dir bitte einen roten Schlüpfer. Ziehe diesen auf die blaue Hose an. Gehe auf die Straße und verkünde, dass du jetzt ein Superman bist.

Filme schauen mit Autist

Created by: Tanja Erdmann

Du willst das nicht?

Aber warum?

Weil du mich nicht kennst? Und wenn du mich kennen würdest, würdest du es mir zuliebe tun?

Eben.

Die Wahrheit ist: ein roter Schlüpfer passt nicht zu der blauen Hose. Nur ein schwarzer.

Spaß beiseite.

Filme schauen mit Autisten - warum ist das für unsere Kinder so schwierig?

Es gibt einen wichtigen Grund, warum Autisten keine Filme mögen: Es ist schlicht zu anstrengend.

Bilder, Geräusche, Sprüche, Spezialeffekte, Gefühle aus dem Film müssen „verdaut“ werden. Manchmal ist die Summe der Eindrücke so groß, dass sie nicht verarbeitet werden kann.

Das bedeutet schlaflose Nacht, aufgeregte Stimmung, angespannter Körper, anstrengende Gedanken, Unruhe. 

Da ist ein Overload nicht weit (RW).

Für dich als Mutter oder gar Ehefrau eines filmablehnenden Autisten gibt es gleich 5 Gründe, dich darüber nicht mehr zu ärgern.

5 gute Gründe, dich nicht mehr darüber zu ärgern, dass dein Autist mit dir keine Filme anschauen will

Grund #1: Du bist die Abhängigkeit los

Mach dein Glück nicht von Handlungen anderer abhängig.

Sie tun etwas das du willst – du bist glücklich.

Sie tun es nicht – du bist unglücklich.

In der Realität tun die Menschen oft das, was uns nicht gefällt. Machen wir uns davon abhängig, sind wir gehemmt.

Mach dich davon frei. Lass die anderen los und mach dein Ding.

Grund #2: Handlung macht dich zufrieden

Heftige Gefühle entstehen, wenn wir denken, dass wir an der Situation nichts verändern können.

Es ist eine Art Ohnmachtsgefühl. „Ich kann nichts, absolut nichts tun.

Ja.

Das stimmt.

Bei dem anderen Menschen kannst du nichts tun.

Bei dir schon.

Fange bei dir an. Der andere wird es dir nachmachen.

Wenn nicht, kehre zum Punkt #1 zurück.

Im Klartext: Willst du einen Film anschauen, mach es.

Notfalls auch allein. Mach es für dich.

Grund #3: Ärger macht dich überheblich

Die Erwartung „Er/sie soll mir zuliebe den Film anschauen bzw. meine Bedürfnisse erfüllen“ ist respektlos.

Und zwar euch beiden gegenüber.

Denn genau genommen möchte dein Autist genau das Gleiche. Er/sie will keinen Film anschauen und möchte, dass dieser Wunsch respektiert wird.

Wenn du auf deinem Wunsch mit aller Kraft bestehst, dann stellst du deine Bedürfnisse über die des Partners bzw. Kindes.

Die meisten Menschen möchten respektvoll behandelt werden.

Das kannst du. Indem du deinen Wunsch ernst nimmst.

Den deines Kindes (Partners) aber auch.

Grund #4: Es lebe die Vielfalt

Du magst Filme, dein Kind nicht.

Super.

So soll es sein.

Ihr beide seid einzigartig.

Wären alle Menschen gleich, wäre es ganz schön langweilig auf diesem Planeten.

Grund #5: Vertrauen entspannt dich

Wenn du denkst: „Er/sie könnte. Will aber nicht!“, wirst du früher oder später furchtbar wütend. 

Mit Vertrauen weißt du: „Er/sie tut schon sein/ihr Bestes.

Könnte das die Wahrheit sein?

Aber wie!

Und wenn nicht, auch in Ordnung.

Schließlich könntest du ja auch mit dem roten Schlüpfer über der Hose herumrennen. Willst du aber nicht.

Und das ist ok.

Bei uns?

Ich höre schon meinen Mann stöhnen.

Bitte, schaue mit mir einen Film an!“, bittet er oft.

Aber warum mit mir?“, will ich dann wissen.

Weil es mit dir so spannend ist. Du weinst und lachst immer so toll.

In der Tat.

Mich könnte man problemlos als einen biologisch sauberen, stromlosen Spannungsmesser einsetzen. Als Überprüfer der Filmqualität so zu sagen.

In der Filmkritik könnte dann stehen: „Beweint, belacht und für gut befunden von Tanja Erdmann“.

Ein Gütesiegel höchster Qualität.

Aber ich mag Filme trotzdem nicht so besonders.

Für mich habe ich folgende Kriterien herausgefunden, wie es dennoch funktionieren kann.

Probiere sie mit deinem Kind oder Partner aus.

Vorausgesetzt: der Wille ist auf beiden Seiten vorhanden. 

Filme schauen mit Autisten – meine Liste der Möglichkeiten

  • An einem freien Tag wie z.B. Samstag oder Sonntag
  • Spätestens um 16:00 Uhr beginnen
  • Filme ab 12 oder 16 J. erlaubt*
  • Keine Filme mit FSK „Ab 18 J.“ (Ja, ich weiß. Hier kannst du gerne über mich lachen.)
  • Nach dem Film viel Bewegung - Spannung abbauen
  • Spaziergang oder sonstiger „Tapetenwechsel“ erwünscht
  • Oder eine ungestörte Ruhepause
  • Keine koffein- und zuckerhaltige Getränke während des Films und danach

Wenn ich diese Kriterien befolge, dann macht der Film sogar Spaß.

*Grundsätzlich sollte man auf Altersfreigabe achten.

Bei Jugendlichen und/oder erwachsenen Autisten sollte man auf Filme mit FSK 0 bis 12 J. zurückgreifen.

Filme ab 18 J. sind schwer zu verdauen (RW). Das ist aber meine subjektive Meinung.  

Wie wird eine Tatsache zum Problem?

Beim Filme schauen, geht es nicht ums Filme-Schauen.

Es wird durch unerfüllte Bedürfnisse zum Problem.

Welche sind das?

             Du...

  • fühlst dich allein
  • möchtest gern, dass dein/e Partner/in oder dein Kind deine Wünsche ernst nimmt
  • brauchst Gesellschaft
  • willst auch mal bestimmen, was geschaut wird
  • willst, dass dein/e Partner/in oder dein Kind an deinen Interessen teilnimmt
  • brauchst Liebe
  • willst Gesellschaft

Die Überraschung:

Du kannst all diese Bedürfnisse selbst erfüllen.

Wer sagt, dass es der Partner oder dein Kind tun muss?

Da sind wir wieder beim Grund #1: Mach dein Glück nicht von anderen abhängig.

Es ist sogar nicht gerade nett, etwas von anderen zu erwarten, das sie offensichtlich nicht geben wollen oder gar nicht geben können.

Wenn ich Lust auf einen Film habe, lachen und weinen will, dann gehe ich mit meiner Schwester ins Kino. Und zwar mittags.

Ganz ohne wütend-stilles oder weinend-verzweifeltes Rausrennen.

Und sogar ohne Kommentare wie: „Mädchenfilm! Langweilig! Der Film ist doof.“

Mir egal. Mir gefällt`s.

Kenne deine Bedürfnisse. Finde deine Motivatoren.

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​​Und dann?

Dann holst du sie dir!

Bleib positiv. Sei du selbst.

Alles Liebe

Deine Tanja

​Kennst du einen Film, bei dem du es wirklich genießen kannst, ihn allein oder mit Freund/in anschauen zu können?

Mein letzter, toller Film war "I Feel Pretty"  🙂

 

Bilder: pixabay.com/de , Tanja Erdmann

User: kalilapinto

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