Buchrezension: Willis Welt von Birte Müller

 

Buchrezension: Willis Welt von Birte Müller

„ Willis Welt: Der nicht mehr ganz normale Wahnsinn“

Willi Müller ist ein kleiner Junge, ein Wirbelwind. Er hat die Trisomie 21. Im Volksmund besser bekannt als das „Down-Syndrom“.

Das Buch ist eine Ansammlung von Kolumnen die Birte Müller für die Zeitschrift a tempo schrieb. Die Kolumnen handeln von den Jahren zwischen der Geburt und dem 6. Lebensjahr von Willi.

Handlung

Willis Lebensbeginn ist durch große Schwierigkeiten gekennzeichnet. Die Eltern haben praktisch keine Zeit dazu, die vor der Geburt nicht bekannte, Diagnose „Trisomie 21“ ihres Kindes zu verarbeiten. Denn eine Krise jagt die nächste. Schwere Epilepsie, Stimmbandparese und der anschließende Luftröhrenschnitt.

Dem kleinen Willi kann kein Arzt mit Gewissheit eine positive Zukunft prognostizieren. Es weiß niemand, ob der Junge jemals sprechen oder selbständig laufen können wird.

Und dann kommt es ganz anders. Willi spricht zwar nicht, erholt sich aber soweit, dass er das Gehen letztendlich sehr gut beherrscht. So gut, dass die Eltern dem Jungen nur noch hinterher rennen müssen.

Die Kolumnen sind so aufgebaut, dass man gut die Entwicklung des Jungen und seiner Schwester, die kurze Zeit später dazu kommt, nachvollziehen kann. Am Ende des Buches steht die Einschulung. Fragen der Inklusion werden aufgeworfen und gleich beantwortet.

Willi lacht und weint ansteckend. Er liebt Hunde und das Essen. Er geht nicht gern spazieren, mag aber das Wasser über alles. Am liebsten würde er sich gleich vollständig angekleidet in die Pfütze setzen, wenn die Mama nicht gerade schneller ist und ihn davon abhält.

Ohne das Kind zu kennen, schließt man den kleinen Wirbelwind direkt ins Herz.

Familie

Die kleine Olivia ist 2 Jahre junger als ihr Bruder. Sie hat, wie die Mutter es nennt, „das Normalsyndrom“. Es ist ein kleines selbstbewusstes Mädchen, das die Familie ebenso bereichert und vor andere Herausforderungen stellt, als ihr behinderter Bruder. Mit sehr viel Liebe und Traurigkeit wird auch dieser Aspekt erwähnt. Man soll nicht vergleichen, das weiß jede Mama. Dennoch tun wir es. Das Mädchen führt den Eltern täglich das Wunder der Selbstverständlichkeit vor, mit welcher Kinder ohne Behinderung groß werden und viele Sachen ganz ohne das Üben beherrschen. Liebevoll und auf den Punkt gebracht.

Es gibt da noch den Papa und die Großeltern. Lustig, liebevoll und viel Humor werden sie in dem Buch erwähnt.

Wie in jeder Familie gibt es Höhen und Tiefen. Nur dass die Tiefen viel tiefer sind und die Höhen um so glücklicher wahrgenommen werden.

Autorin und Schreibstil

Birte Müller (geb. 1973 in Hamburg) ist Illustratorin und Autorin. Ihr Kinderbuch „Planet Willi“ handelt ebenfalls von einem kleinen Jungen mit dem „Down-Syndrom“. Aus diesem Buch liest sie den Kindern in den Schulen vor.

Birte Müller schreibt mit Humor, Selbstironie und manchmal ein wenig Sarkasmus. Sie spricht aus, was sich viele Eltern von Kindern mit Behinderung denken, aber vielleicht nicht aussprechen können. Die Leser dürfen an einigen täglichen, fast normalen, Wahnsinnsituationen teilhaben. Da kann man mitfiebern, mitweinen und mitlachen. Es wird alles geboten und das zwar schonungslos, aber dennoch charmant.

Sehr empfehlenswert sind die Kapitel:

  • „Lebst du noch – oder funktionierst du schon?“
  • „Hilfe, Wochenende!“
  • „Nur die Lüge einer Familie“

Das ist nur ein kleiner Ausschnitt. In jeder Kolumne gibt es Interessantes und alle sind lesenswert.

Der Schreibstil ist locker. Die Sätze prägnant und die Beispielsituationen gut gewählt. Obwohl sich das Buch hauptsächlich mit den Problemen der Trisomie 21 beschäftigt, sind die Situationen vielen Eltern aus ihrem Alltag mit ihrem Kind mit anderer Behinderung gut bekannt. Besonders die Wahrnehmungsstörung, die Schwierigkeit, zu viele Reize gleichzeitig verarbeiten zu müssen und das Sich-nicht-mitteilen-Können.

Auch die Überforderung der Mutter und ihre Zweifel an sich, an dem Leben und an dem Kind werden den Eltern von Autisten bekannt vorkommen.

Herrlich geschrieben. Lustig und stellenweise unglaublich traurig. Die Autorin beherrscht ihr „Handwerk“ sehr gut und man bekommt große Lust auf mehr.

Minuspunkt

Einen kleinen Minuspunkt gibt es. Wenn es um andere Lebensweisen geht, wird der Ton etwas unsachlich. Das ist schade. Natürlich hat jeder Mensch das Recht auf die eigene Meinung. Aber Verständnis von Anderen, ihre Wertschätzung, das ist eigentlich das, was sich alle Eltern wünschen. Davon schreibt die Autorin gleich am Anfang des Buches. Sie möchte, wie alle Menschen, einfach verstanden werden. Diesen Wunsch teile ich uneingeschränkt. Aber wenn man ihn denn äußert, sollte man den anderen Lebensweisen, und seien es „Hardcore-Ökoernährungs-Anhänger“, offener gegenüberstehen. Warum nicht? Wir wissen schließlich nichts über diese Familien. Haben höchstens Vermutungen, die auch falsch sein können.

Großartiges Buch

Dennoch ist das Buch wirklich sehr, sehr empfehlenswert und ich würde jede weitere Fortsetzung kaufen und mit Genuss lesen. Die Stellen mit dem politisch nicht ganz korrekten Ausdrucksstil würde ich überspringen.

Das politisch Korrekte ist schließlich nicht das Ziel des Buches. An manchen Stellen will das Buch provozieren und zur Diskussion anregen. Das Unaussprechliche benennen. Das ist der Autorin zweifellos gelungen.

Großartiges Buch! Toller Schreibstil. Gefühlvolle Geschichten.

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Gebundene Ausgabe: 228 Seiten

Verlag: Freies Geistesleben

Auflage: 2 (1. März 2015)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 377252608X

ISBN-13: 978-3772526084


Bilder mit freundlicher Genehmigung: Freies Geistesleben

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