Buchrezension: „Eine Phantasie guckt aus dem Fenster“

Buchrezension: "Eine Phantasie guckt aus dem Fenster"

Gisa Anders: „Eine Phantasie guckt aus dem Fenster: Vom frühkindlichen Autismus zum selbstbestimmten Leben“

 

Gisa Anders ist Mutter eines zunächst nicht sprechenden, frühkindlichen Autisten – Dirk. Zahlreiche Störungen bestimmen das Verhalten des Kindes. Dirk lehnt den Körperkontakt ab. Die gesprochene Sprache kann er nicht zuordnen. Er versteht sie nicht.

Mit 11 Monaten kann Dirk noch nicht alleine sitzen. Mit 20 Monaten lernt er das Laufen. Erst mit drei Jahren kann Dirk selbständig und zum ersten Mal ein Stück Hähnchen kauen.

Die Entwicklung des Jungen wird in allen Phasen und Altersstufen beobachtet und gut sortiert beschrieben. Von Geburt an bis zum 19. Lebensjahr. Es gibt zwar Phasen des scheinbaren Stillstands, aber die Mutter gibt nicht auf und es kommt ein neuer Abschnitt. Einer, in dem es wieder voran geht.

Schreibstil

Das, was der Autorin bei diesem Buch gelungen ist, ist eine Meisterleistung. Es ist sachlich, objektiv und gut aufgearbeitet. Gleichzeitig verzweifelt, brutal ehrlich und doch voller Liebe.

Die Fortschritte des Jungen werden akribisch festgehalten und notiert. Man spürt die Verzweiflung der Mutter. Niemand hört ihr zu und die meiste Zeit des Tages ist sie mit dem Kind/den Kindern alleine.

Alleine mit ihren Problemen, Sorgen, Fragen und der Überforderung. Ihre Versuche, Hilfe oder einfach nur das Ernstgenommen-Werden bei den Ärzten zu erreichen, scheitern kläglich. Die Ärzte vertrösten sie, nehmen sie nicht ernst, lesen nicht einmal ihre umfangreichen Aufzeichnungen.

Das Kind sei ein Spätentwickler, die Mutter überehrgeizig und hysterisch. Schuldzuweisungen werden schnell ausgesprochen, ohne dass einer sagt, wie sie es anders machen soll.

Etwas läuft schief, aber niemand sieht ein Problem. Die Mutter steht alleine da. Das Verhalten ihres Sohnes wird immer auffälliger, aggressiver und verzweifelter. Die Mutter kämpft um ihr Kind. Sie sucht unerbittlich nach Möglichkeit, ihren Sohn doch noch zu erreichen.

Sie singt ihm stundenlang vor, übt tagelang ein einziges Wort mit dem Jungen. Als Dirk mit über 2 Jahren das Wort „haben“ versteht, ist die Mutter überglücklich. Danach kommen andere Wörter dazu und plötzlich erwacht das Kind aus seiner Starre.

Fortschritt und Stillstand nah beieinander

Aber die Freude ist kurz. Denn Dirk lernt nicht aus eigenem Antrieb. Es reicht nicht aus, ihm den ersten oder auch den zweiten Schritt zu zeigen, um ihn dann den Weg alleine gehen zu lassen. Jeder Schritt ist ein Kampf. Und zwar einer mit ungewissem Ausgang.

Die Mutter weiß nie, ob ihre Bemühungen einmal Erfolg haben werden. Manchmal klappt etwas gleich, manchmal dauert es Monate. Manchmal ist die Mühe vergebens. Das Ungewisse, die Kraft, die die Mutter täglich aufwenden muss, zehren an ihr.

Es ist beachtlich, mit welchem Durchhaltevermögen und welcher Liebe sie jeden Tag beginnt und aufs Neue versucht, eine positive Entwicklung zu erreichen.

Dirk wird größer. Die Einschulung steht bevor. Viele, viele Erwartungen werden an das Kind gestellt. Dirk ist überfordert. Es läuft nicht gut in der Schule. Er muss leisten. Auch hier kämpft die Mutter weiter. Sucht nach Wegen.

Schwere Lektüre mit Happyend

Am Ende des Buches kann Dirk ein unauffälliges Leben führen. Er hat Freunde und geht aus. Die Schwierigkeiten scheinen unreal. Als hätte es, all das nicht gegeben.

Auch wenn das Buch so etwas wie ein Happyend hat, ist es eine harte, berührende Lektüre. Selten ist mir eine Rezension so schwer gefallen, wie in diesem Fall.

Es ist beinahe unmöglich, das Buch in einem Rutsch durchzulesen. Manche Stellen sind so ergreifend, dass es schon seine Zeit braucht, um es zu verarbeiten.

Z.B. als die Mutter anfängt, in ihrem Kummer und ihrer Isolation, Alkohol schon zur frühen Stunde zu konsumieren.

Oder als sie einen Nervenzusammenbruch erleidet und Dirk schlägt, damit er mit der immer gleichen Frage aufhört. Dirk hört nicht auf. Er will diese EINE Antwort hören. Immer und immer wieder. Die Mutter kann oder will ihm die Antwort, die er hören will, nicht geben. Sie sinkt weinend zu Boden. Ihre Hände blaugeschlagen.

Fazit

Ein Buch über alle Seiten des Autismus. Von der Freude über die kleinsten Fortschritte bis hin zur grenzenlosen Verzweiflung einer Mutter, die immer stark sein muss.

Ein sehr bewegendes, herzzerreißendes, aber auch Mut machendes Buch.

Fazit: Große Klasse. Respekt an die Autorin und alle Mütter, die tagtäglich Unglaubliches leisten!

Unbedingt lesen!  

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Transparenz: Das Buch habe ich selbst gekauft. Es wurde nicht gesponsert.

 

Format: Kindle Edition

Dateigröße: 1511 KB

Seitenzahl der Print-Ausgabe: 349 Seiten

Verlag: Rad und Soziales. www.autismus-buecher.de (2. Mai 2014)

ASIN: B00K3PXWN4


 

Bilder mit freundlicher Genehmigung: Verlag Rad und Soziales

Persönlicher Dank an Michael Schmitz: Autismus-Bücher

Mehr Bücher findest Du hier.


 

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