Blickkontakt und Zuhören. Bitte nicht gleichzeitig

Blickkontakt Autisten

Blickkontakt und Zuhören. Bitte nicht gleichzeitig

Ich habe kein Problem mit Blickkontakt. Dachte ich. Bis zu diesem Tag.

Und der ging so:

Wir planten eine Flugreise. Für diese sollte ich die Reisepässe für alle drei Kinder organisieren. Ich hatte mich gut vorbereitet. Geeignete Passbilder, Unterschrift und Ausweis von meinem Mann. Alles hatte ich dabei.

Autisten Blickkontakt. Kind spielt

Wir saßen im Bürgerbüro. Meine Kinder spielten auf dem Fußboden und ich wartete darauf, bis die nette Sachbearbeiterin mit ihrem Ausfüllen fertig wurde.

Sie stellte Fragen. Geburtsort der Kinder, Geburtstage, Größe. Alles kam wie aus der Pistole geschossen (RW).

Dann kam die Frage: „Augenfarbe?“ Plötzlich schluckte ich. Ich wusste nicht, welche Augenfarbe meine Kinder hatten! „Wie verstörend ist das denn? Warum weiß ich das nicht?“, dachte ich. Ich war geschockt. Es ist mir bis dahin nie aufgefallen. Offensichtlich guckte ich überall hin, nur nicht in die Augen. Wohin dann?

Unser Großer hatte seit wenigen Wochen die Diagnose „Autismus“. Plötzlich gingen mir all die gelesenen Sätze durch den Kopf:

  • Autisten schauen nicht in die Augen.
  • Es ist ihnen unangenehm.
  • Sie schauen auf die Nasenwurzel oder auf die Lippen usw.

Das war der Moment, als ich mich zum ersten Mal fragte, ob meine Schwierigkeiten nicht den gleichen Namen trugen. Heute weiß ich, dass sie den gleichen Namen haben. Und dieser Name ist Asperger.

Plötzlich stört es

Blöd fand ich nur, dass mir dieses Nicht-in-die-Augen-Schauen dadurch erst bewusst wurde. Auf einmal störte es mich. Ich versuchte den Menschen in die Augen zu schauen, während sie sprachen. Das funktionierte ganz gut.

Autisten Blickkontakt. MundNur verstand ich nicht mehr, was sie sagten. Offensichtlich konnte mein Gehirn entweder die gesprochene Sprache verstehen oder die gesehenen Bilder und Bewegungen interpretieren. Beides gleichzeitig war anscheinend nicht möglich.

Heute versuche ich das Thema nicht allzu heikel werden zu lassen. Ich zwinge mich nicht mehr dazu, den Menschen direkt in die Augen zu schauen. Während sie sprechen, schaue ich ihnen auf den Mund. Wenn sie still sind, kurz in die Augen.

Dass mir dadurch viele Emotionen entgehen, muss ich wahrscheinlich nicht extra betonen. Es geht hier nicht um das Nicht-Wollen. Es geht hier tatsächlich um das Nicht-Können.

Zuhören und in die Augen schauen geht bei mir nicht gleichzeitig.

Fotos: pexels.com/de

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


*