Asperger-Kind am Gymnasium – Was schief lief, was wir gelernt haben und wie es funktionieren könnte

„Genau solche Kinder brauchen wir!“

„Wir bringen ihm schon bei, wie man erfolgreich lernt!“

Unser Sohn saß neben mir. Im Zimmer der Rektorin des örtlichen Gymnasiums.

Bastian hatte die 3. Klasse übersprungen und sollte bald ins Gymnasium kommen.

Das war der Beginn einer Lebenserfahrung, die wir nun abschließen können.

 

Asperger-Kind am Gymnasium – Was schief lief

Die Diagnose „Asperger-Syndrom“ bekam Bastian im Jahr 2015. Da waren die Probleme am Gymnasium bereits groß.

Leider hatte ich es nicht geschafft, die Lehrer/innen des Gymnasiums für das Thema Autismus genug zu sensibilisieren.

Es ist mir nicht gelungen, sie soweit zu bringen, dass die Bedürfnisse unseres Asperger-Kindes ernst genommen wurden.

Dazu 4 Beispiele aus dem Schulleben

1) Klassenfahrt

Die letzte Klassenfahrt fand mit einer weiteren Klasse und mehreren Betreuern in einem Reisebus statt.

Das waren mehr als 60 Personen.

Dauer der Fahrt: ca. 4 Std.

Wir führten viele Gespräche mit dem Klassenlehrer. Ich hatte Bedenken wegen des Lärms im Bus.

Der Klassenlehrer blieb bei seiner Meinung: Keine Kopfhörer. Bzw. keine Geräte, an die man diese Kopfhörer anschließen konnte.

Da unser Sohn keinen Stress mit dem Lehrer wollte, willigte er ein. Er wollte keine Diskussionen mehr.

Hinterher hieß es: Schauen Sie mal, wie toll es geklappt hat!

Für den Klassenlehrer hat es tatsächlich so ausgesehen, als würde alles prima laufen.

Der Zusammenbruch (ein Meltdown) kam zu Hause. Später. Diesen hat niemand außer Mutter gesehen.

2) Sportunterricht

Im Sport hatte Bastian Angst vor den Bällen und dem Lärm. Er versteckte sich im Geräteschuppen oder hinter den Schülern.

Saß auf dem Boden. Machte sich „unsichtbar“. Konnte im Unterricht nicht mitmachen.

Ergebnis: Note 5-6 im Zeugnis.

Trotz vieler Gespräche und Attests.

3) Die geliebte Kapuze

Bei Reizüberflutung zog Bastian Kapuze über den Kopf und Handschuhe an. Im Unterricht und in den Pausen.

Das war der Grund für Gespräche mit den Lehrkräften. Er solle es bitte lassen!

4) Nachteilsausgleich

Der Nachteilsaugleich wurde abgelehnt, da man keinen Handlungsbedarf sah.

Läuft doch alles gut! Das hat er doch gar nicht nötig!

 

Asperger-Kind am Gymnasium – Was wir gelernt haben

Es liegt nicht so sehr am Lehrplan oder am System.

Es liegt an den einzelnen Personen und dem Wissen (dem echten, interessierten Wissen) über Autismus und seinen Auswirkungen.

Beurteilen die Lehrer/innen das Verhalten des autistischen Kindes am Sichtbaren, wird es nichts mit der Unterstützung.

Denn viele Kinder können gut kompensieren. Nur geschieht dies immer auf Kosten der Gesundheit. Diesen Zustand kann kein Kind auf Dauer aushalten.

Je mehr sich die Schule gegen die Zusammenarbeit mit den Eltern wehrt, und das als unerwünschte Einmischung wertet, umso schwerer hat das Kind es auf diesem Gymnasium. Und auf jeder anderen Schule.

Leistung, Anpassung, Flexibilität sind heute Pflicht.

Und genau diese Punkte überfordern unser Asperger-Kind am Gymnasium.

 

Asperger-Kind am Gymnasium – Wie es funktionieren könnte

Jedes Kind, mit oder ohne Autismus, ist anders. Was für das eine Kind die „Rettung“ ist, ist für das andere extrem ungünstig.

Lehrkräfte und Eltern brauchen Geduld. Wenn eine Hilfestellung nicht funktioniert, müssen sie weiter suchen.

Weiter probieren.

Nicht aufgeben!

Neben dem klassischen Nachteilsausgleich wie „mehr Zeit bei der KA“, habe ich diese Ideen gesammelt, die dem Asperger-Kind im Schulalltag helfen können.

Auf geht`s.

1.) Eine genaue Beschreibung der Aufgaben mit Beispiel

Nicht: „Rechne aus und schreibe das Ergebnis hin.“

Denn genau das macht das autistische Kind. Es rechnet im Kopf aus und schreibt das Ergebnis hin. Keinen Rechenweg.

An einem Beispiel können sich die Kinder besser orientieren.

2.) Eine genaue Beschreibung der Aufgaben mit Zahl

Z.B. im Deutschunterricht: Einleitung = 3 Sätze, Hauptteil = 16 Sätze.

Viele Autisten können nicht genau einschätzen, was die Lehrkraft erwartet.

3.) Kurze Beschreibung der Vorgehensweise

Z.B.: Beschreibe den Gegenstand von außen. Dann von innen. Nenne danach die Eigenschaften. Schließe mit dem Nutzen des Gegenstandes ab.

Leider wird genau das oft als „Extra-Wurst“ beschimpft.

Wir haben das oft im Unterricht besprochen. Das muss der Schüler wissen“, sagt dann die Lehrerin.

Meine Antwort: „Nein, das weiß er trotzdem nicht.“  (Siehe Punkt 2)

4.) Sport- und Schwimmunterricht ohne Note

5.) Klassenarbeit (KA) in einem anderen Raum mit 1 oder 2 anderen sensiblen Kindern

Unser Sohn wollte auf keinen Fall auffallen. Er lehnte die KA im separaten Raum ab.

Mit ein oder zwei anderen Kindern wäre er dazu bereit. Leider kam es nie dazu.

6.) Aufgaben auf verschiedenen Blättern abdrucken

und/oder Kästchen zum Abhaken hinzufügen.

Das macht die Arbeit übersichtlich.

7.) Das Nachsitzen vermeiden

Besser eine Extra-Arbeit für zu Hause.

Nachsitzen ist eine unverhältnismäßig harte Strafe für Asperger-Kinder, die mit dem Unterrichtsschluss bereits am Ende ihrer Kraft sind.

Um es als Metapher auszudrücken: „Nachsitzen ist wie eine Bitte, nach einem 95-km-Marathon-Lauf schnell mal zum Bäcker zu laufen.“

8.) Helferin zur Niederschrift

Bei körperlicher Abgeschlagenheit, z.B. nach einem Meltdown sollte die Mutter als „Helferin zur Niederschrift“ fungieren dürfen.

Unser Sohn konnte nach diesen Zusammenbrüchen nicht mehr schreiben.

Er konnte aber die Ergebnisse vor sich hin murmeln.

Schrieb ich diese mit, wurde das als Nicht-erledigte-Hausaufgaben bestraft.

9.) Manche schriftliche HA am PC erledigen lassen

Es ist erstaunlich wie viel konzentrierter unser Sohn die vermeintlich langweilige Hausaufgabe am PC erledigen konnte.

Leider war dies nicht gern gesehen.

10.) Mündliche Arbeit sollte nicht oder weniger gewichtig bewertet werden

11.) Heftführung sollte nicht benotet werden

Denn oft macht das die Mutter, nicht das Kind.

Ehrlich gesagt, möchte ich für meine Hilfe nicht benotet werden. Und wenn, dann nur mit einer Eins (Achtung: Ironie).

12.) Pausen erlauben

13.) Von den lauten Veranstaltungen befreien

Zum Beispiel Aufführungen, Gesangseinlagen, Bundesjugendspiele, Ausflüge.

14.) Einen festen, erreichbaren Ansprechpartner anbieten

Es ist besonders wichtig, dass das Kind nach diesem Ansprechpartner nicht suchen muss.

Aufforderungen wie: „Ach, frag doch mal im Lehrerzimmer nach, wo der Vertrauenslehrer gerade ist„, sind bei einem Overload oder Meltdown für ein autistisches Kind nicht umsetzbar.

15.) Änderungen im Tagesablauf auf einem kleinen Zettel notieren und dem Kind direkt geben

Ich weiß gar nicht wie oft mein Kind stundenlang durch die Gänge irrte, weil er vor verschlossener Tür stand und nicht wusste, durch was der ausgefallene Unterricht ersetzt wurde.

16.) Ein Mitteilungsheft für Eltern einführen

Keine ausschweifenden Erklärungen an das Kind abgeben.

Kurze Mitteilung an die Eltern ins Heft.

17.) Schutzmaßnahmen erlauben

Dazu gehört alles, was dem Abschirmen hilft: Kapuze, Kopfhörer, Sonnenbrille, Ohrstöpsel.

 

Wie unserem Asperger-Kind am Gymnasium geholfen wurde

a) Separate Blätter

Einmal hatte der Klassenlehrer die Aufgaben der Klassenarbeit auf separaten Blättern abgedruckt.

Da diese Methode keine „gute“ Note zur Folge hatte, wurde diese Vorgehensweise sofort fallen gelassen.

Bringt doch eh nichts“.

b) Handykarte für Notfälle

Handykarte ist ein kleiner Text, der in Folie eingeschweißt wird. Darauf steht der Name des Kindes, seine Klasse und die Erlaubnis zur Nutzung des Handys.

Mit dieser Handykarte durfte unser Sohn im Notfall auf dem Schulgelände telefonieren.

Er durfte eine vertraute Person anrufen. Also seine Mama.

Da aber die Pausenaufsicht diese Karte nicht kannte, konnte unser Sohn sie nicht benutzen.

Bei einem Meltdown hörte unser Sohn auf zu sprechen.

In diesem Zustand war es ihm nicht möglich, der Pausenaufsicht zu erklären, was er da mit seinem Handy machte.

c) Sammelordner

Eine ganz tolle Idee der Englischlehrerin hatte erstaunliche Erfolge gebracht.

Jedes Fach sollte eine bestimmte Farbe bekommen.

Alle Hefter, Bücher und Unterlagen wurden in dieser Farbe umgeschlagen und in einen Sammelordner (gleiche Farbe) gelegt.

Blöd war nur, dass sich die Farbe jedes Jahr je nach Wunsch des Lehrers wechselte.

Das brachte unser Kind durcheinander. Die neue Farbe musste mühsam wieder „erlernt“ werden.


Hier hört meine Aufzählung auf.

Mehr haben wir an diesem Gymnasium leider nicht erreichen können. Das ist schade.

Unser Sohn hat das Gymnasium verlassen.

Jetzt ist er in einer Gemeinschaftsschule.

Es geht ihm gut.

 

Was erwarte ich von der Zukunft?

Ich wünsche mir für alle Asperger-Kinder, dass sie nach der Schule lächeln können.

Dass sie abends keine Bauchschmerzen haben, weil sie der Tag schon im Voraus stresst.

Ich will, dass sie gemeinsam mit ihren Eltern den Weg finden.

Ihren Weg.


Bilder: pixabay.com/de
User: coyot

 

Wenn du eine Idee oder Erfahrung hast, die euch im Schulalltag hilft, dann teile sie mit uns.

Hilf anderen Eltern mit deiner Erfahrung. Ich freue mich auf deinen Kommentar.

Alles Liebe

Deine Tanja

 

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