Asperger-Autisten und Schule – vom Weglaufen bis zur erfolgreichen Präsentation

Montag, 8:10 Uhr.

Mein Handy klingelt.

Ich bekomme einen Schweißausbruch.

Nicht, dass ich Angst vor der Elektronik hätte. Nein, so ist das nicht.

Aber auf dem Display leuchtet das Foto meines Kindes, das nicht in die Kamera schaut, wenn es fotografiert wird.

Es sind keine Ferien. Bastian sollte jetzt in der Schule sein. Dass er jetzt anruft, bedeutet selten etwas entspannt Positives.

Ein Anruf am Montag, um 8:10 Uhr „riecht“ immer nach einem Problem.

Und tatsächlich.

Bastian habe so starke Bauchschmerzen und so weißes Gesicht, dass er vorsorglich nach Hause geschickt worden war.

Ich lege auf.

Atmen, einfach weiter atmen.

Asperger-Autisten und Schule

Ein Problem bahnt sich an. Nur welches?

Da ich unterwegs zur Post bin, fange ich das Kind direkt bei der Schule ab.

Natürlich möchte ich wissen, was los ist.

Bastian: - Ich habe einfach Bauchschmerzen bekommen.

Mama: - Gibt es in der Schule ein Problem?

B.: - Nein, alles gut.

Na, diese Antwort kennen wir ja bereits. Also, weiter suchen. Strategie ändern.

M.: - Ok, an was hast du direkt vor dem Bauchschmerz gedacht?

B.: - Ich weiß nicht… Vielleicht an die Präsentation?

M.: - Und wann wäre sie?

B.: - Jetzt gerade. Aber ich habe Bauchschmerzen bekommen und musste nach Hause. Jetzt wird sie auf Mittwoch verschoben.

Aha. Da haben wir es.

Heute ging das aber sehr schnell. Ich habe nicht immer so viel Glück. Meistens bleibt es hartnäckig bei dem „Ich weiß nicht“.

M.: - Super! Ich gehe jetzt zur Post, dann zum Bäcker. Willst du was haben?

B.: - Laugenbrötchen vielleicht?

M.: - Geht in Ordnung. Bis gleich zu Haus.

Wir teilen uns auf

Ich gehe zur Post, Bastian fährt 500 m mit dem Bus nach Haus.

Wenn ich jetzt schreiben würde, dass alles bestens war und ich glücklich und zufrieden nach Hause lief, dann wäre das gelogen.

Bastian war jetzt kaum 6 Wochen in der Schule und es war das 4. Mal, dass er nach Hause geschickt worden war.

Mein Plan, meine Arbeit in einem gewissen Umfang oder nach einem bestimmten Ablauf zu erledigen, muss nun weichen. Und zwar einem Problem, das ich lösen muss. Ohne zu wissen wie.

Bewegung tut gut, also mache ich eine extra große Runde, als ich nach dem Bäcker nach Hause laufe.

Ich registriere, dass ich sauer bin und eigentlich keine Lust darauf habe, Probleme zu lösen. Wie ein kleines, bockiges Kind, das seinem Tagesplan folgen will.

Vor meinen Augen ein Problem. Sonst nichts.

So gehe ich durch die Straßen.

Sauer und wahrscheinlich mit einem nicht gerade freundlichen Gesicht.

Das Erlauben meiner Gefühle bewirkt normalerweise Wunder. So auch heute. Mit jedem Meter, den ich mich meinem Haus nähere, geht es mir immer besser.

Ich schaue mir die Situation aus einem anderen Blickwinkel an. So als würde ich einen Schritt zurück gehen und das gesamte Bild erkennen. Nicht nur durch ein Fernrohr. 

Und ich entdecke etwas total Positives. 

Das muss ich meinem Kind erzählen!

Zu Haus, am Frühstückstisch

Wir schneiden Brötchen auf, schweigen.

Mama: - Bastian, du hast heute etwas ganz Tolles gemacht.

Bastian: - Entschuldigung… Ehm, was?

M.: - Ja. Du hast gespürt, dass die Präsentation deine Kräfte übersteigt. Und das hast du gut gemacht: Du hast auf dich selbst sehr gut aufgepasst. Genau das ist deine Aufgabe.

B.: - Echt jetzt? Das war gut?

Ich muss lachen und das Kind entspannt sich sichtlich.

M.: - Das Problem ist nur, dass die Präsentation verschoben wurde. Da musst du trotzdem durch. Welche Vorschläge hast du?

B.: - Ich weiß nicht, ich frage Markus.

Markus ist der andere Junge, mit dem Bastian seine PowerPoint Präsentation abhalten muss.

M.: - Gute Idee, aber Markus ist auch nur ein Kind und könnte selbst Angst haben. Es ist besser, du überlegst, was dir helfen würde und sagst genau das deinem Freund Markus.

B.: - Ich weiß nicht, das Sprechen vor der Klasse macht mir echt Angst.

M.: - Ich könnte dich davon komplett befreien. Ich spreche mit der Lehrerin, dass du das einfach nicht kannst.

B.: - Aber wir haben uns so gut vorbereitet!

Gut, das wäre also auch geklärt: Er will es tun, weiß aber nicht wie.

Mir kommt eine Idee

Ich nehme ein Blatt Papier vors Gesicht und spreche mit meinem Sohn weiter. Stelle Fragen, er antwortet. Dann nehme ich das Blatt wieder herunter.

M.: - Wie war`s mit mir zu sprechen, ohne mich zu sehen?

B.: - Ganz normal, hat mich nicht gestört.

Er versteht noch nicht, worauf ich hinaus will.

M.: - Du weißt, was du sagen willst, bis du in die Klasse blickst. Wie wäre es, wenn du dir ein Blatt vorbereitest und einfach alles abliest? Dabei musst du niemanden ansehen.

Bastian überlegt. Kaut an seinem Brötchen. Überlegt noch mehr, dann lächelt er.

Und plötzlich macht die Arbeit Spaß

Den gesamten (restlichen) Vormittag arbeitet er an seiner Präsentation.

Karteikarten werden beschrieben, vorbereitet. PowerPoint wird überarbeitet, verfeinert.

Er lacht laut, als er so vor sich hin arbeitet, und zeigt mir sogar seine fertige Arbeit.

Bauchschmerzen sind weg. 

Dienstag:

Das Kind ist entspannt.

Mittwoch, Nachmittag:

Bastian kommt von der Schule.

Wie war`s?“, will ich gleich wissen.

Die PowerPoint Präsentation war so gut, dass Bastian und Markus sie zweimal vorgetragen haben. Einmal vor der eigenen Klasse, einmal vor der Parallelklasse.

Die Kinder waren begeistert und jubelten und lachten an den richtigen Stellen.

Es geht immer weiter

Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig es braucht, um aus einer scheinbar ausweglosen Weglauf-Situation eine Erfolgsgeschichte machen zu können.

Gleichzeitig raubt es mir manchmal den Schlaf, wenn ich daran denke, wie ebenfalls wenig es braucht, um meinen klugen und fröhlichen Sohn, so dermaßen zu verunsichern, dass er den Glauben an seine Fähigkeiten verliert.

Eure Erfahrungen sind gefragt

Habt ihr auch solche Situationen erlebt, die zunächst ausweglos erschienen?

Was habt ihr gemacht, um dem Kind zu helfen?

Freue mich auf eure Erfahrungen!   

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