8. Der Urlaub beginnt – Reisetagebuch

Um 7:00 Uhr morgens wache ich vollständig angezogen auf.

Fenster und Balkontür stehen offen. Es hat geregnet. Ich habe nichts mitbekommen. Meine Migräne hat aufgehört.

Das ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Wie schön das ist, wissen nur Menschen, die oft/oder ständig dieses unerträgliche Gewitter im Kopf haben.

Mein Kopf ist frei.

Meine Sinne sind noch etwas überreizt, aber das schaffe ich noch, denke ich.

Der Flug ist geschafft, ich habe Zeit.

Keine Termine. Herrlich!

Das Hotelzimmer

Endlich kann ich mein Hotelzimmer sehen.

Also wirklich sehen. Nicht nur überfordert darin stecken.

Urlaub - mein Hotelzimmer

Es ist groß und hat ein Doppelbett. In dem obligatorischen Kühlschrank sind Getränke, Nüsse und Schokolade.

Die Dusche ist riesig. Darin könnte ich locker tanzen.

Wenn ich das wollte. Will ich aber nicht. Ich will duschen. Heißes Wasser auf meiner Haut spüren und die Müdigkeit wegspülen.

Das tue ich ausgiebig.

Nach der Dusche gehe ich herunter in das Restaurant, das tatsächlich diese Bezeichnung verdient hat. Es ist im Erdgeschoss. Mein Zimmer liegt im 2. Stock.

Frühstück

Es gibt ein Büffet. Und was für eins!

Kaffee, Tee, Eier, Speck, Körnerbrötchen, Weißbrot, Käse, Wurst, Gemüse, Obst und wieder mal Brei (auf Russisch „Kaschka“).

Nach dem Frühstück bin ich innerlich immer noch aufgewühlt. Es war eine sehr lange, anstrengende Reise bis hierher.

Auspacken

Ich widme mich nun einer Sache, die Selbststimulation heißt.

Ich mag das Wort nicht. Es klingt nach einem unreflektierten, zwanghaften Verhalten. Mein Verhalten ist gewollt. Es ist reflektiert.

Wie dem auch sei. Meine Selbststimulationen heißen „ordnen und schreiben“.

Wenn ich Tage voller körperlicher und geistiger Präsenz erlebe, wenn ich viele Menschen um mich habe, brauche ich Pausen. Pausen die mich beruhigen. Am schnellsten geht das, wenn ich etwas ordnen kann.

Also packe ich meinen Koffer aus. Alles wird gebügelt, sortiert und aufgehängt. Danach schreibe ich mir den Stress von der Seele (Redewendung).

Was mir auffällt

Der Arbeitstag beginnt hier relativ spät. Die Geschäfte, Banken und Apotheken eröffnen erst gegen 10:00 Uhr.

Die Straßen sind in den früheren Morgenstunden ziemlich menschenleer. Die Stadt erwacht erst gegen Mittag und geht dementsprechend später schlafen.

Urlaub - Reisetagebuch

Was mir noch auffällt, sind die unzähligen Cafès, die gemütlich und einladend auf ihre Besucher warten.

In jedem Café gibt es nicht nur kostenlosen WLAN, sondern auch eine eigene Steckdose an jedem Tisch, um das Handy aufzuladen. Sollte das Cafè keine Steckdose am Tisch haben, wird das Handy mitgenommen und nach einer Stunde vollständig geladen zurückgebracht.

Kostenlos. Gehört zum Service.

Der Nachmittag

Gegen Mittag treffe ich mich mit der Freundin, die wenige hundert Meter weit weg von meinem Hotel wohnt.

Kasachstan - das Café


Wir gehen in ein Cafè. Sie hilft mir bei der Bestellung des Mittagessens. Ich verstehe die Begriffe und Beschreibungen nicht so recht.

Nach dem Mittagessen stoßen unsere beiden gemeinsamen Freundinnen, die von gestern Abend, zu uns.

Wir besuchen gemeinsam unsere frühe Schule, unsere Jugenddisko (inzwischen eine Bibliothek) und mein früheres Haus.

Zu meiner Überraschung und Enttäuschung stimmen die echten Bilder mit meiner Erinnerung nicht überein.

Mehr noch, viele Straßen und Gebäude kann ich nicht erkennen.

Auf jedes zweite „Weißt du noch?“ muss ich ehrlicher Weise mit „nein“ antworten.

Das verstört mich.

Warum kann ich mich nicht erinnern? Warum habe ich so viele Erinnerungslücken? Ganze Monate fehlen mir.

Die Empfindungen, die mich noch gestern überwältigten, wollen heute nicht auftauchen. Stellenweise bin ich mit den Menschen um mich herum so sehr beschäftigt, dass ich für andere Gefühle keinen Platz finde. Vielleicht ist das die Erklärung, warum ich noch nicht weine, beim Anblick der Straßen, in welchen ich aufgewachsen bin?

Fotos

An diesem Tag mache ich sehr viel Fotos.

Von jeder Ecke, die mich in Flashbacks und meinen Träumen nicht zur Ruhe kommen lässt.

Urlaub - Fotografieren

Ich fotografiere die Menschen und versuche ihre Gesichter mit dem jeweiligen Gefühl einzufangen. Wie sie lachen oder nachdenklich gucken.

Es sind so viele Bilder, dass der Speicherplatz just in dem Moment voll wird, als ich an meinem früheren Haus ankomme. 

Einerseits ist es schade, dass ich keine Fotos mehr machen kann. Andererseits bin ich nun frei.

Ich lasse mich auf die Gespräche ein und suche nicht mehr an jeder Ecke nach Erinnerung.

Der Tag ist superschön.

Abends lassen wir ihn in einem Sportcafè ausklingen.

Es ist 23:30 Uhr als ich im Hotel ankomme.

In Deutschland ist es 19:30 Uhr. Meine innere Uhr ist noch nicht umgestellt.

Ich nutze die Zeit und mache mir einen Plan für morgen.


Bilder: eigene und pixabay.com/de  

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