4. Endlich im Flugzeug – Reisetagebuch

Als das Flugzeug endlich startet, bin ich fertig.

Mit meiner Kraft und mit meinen Nerven.

Im Flugzeug ist es laut. Die Motoren, oder was auch immer, machen großen Lärm. Die ganze Zeit gucke, nein starre, ich auf die Tragflächen. Bei jedem Hopser des Flugzeugs werde ich mit einer Lawine von Adrenalin überschüttet. Dennoch mache ich Fotos von den wunderschönen Wolken. Später werde ich diese Bilder genießen können. Jetzt nicht.

Endlich im Flugzeug – Reisetagebuch

Flugangst

Meine Angst vor dem Fliegen erreicht ihren Höhepunkt.

Wir sind oben.

Unter uns ein großes Nichts.

In meinem Arbeitszimmer, auf dem Tisch, liegt eine Auflistung aller E-Mail-Adressen, Passwörter und Codes.

Sollte mir etwas passieren, lösche alle meine Accounts“, sage ich zu meinem Mann kurz vor der Abreise.

Ich glaube, spätestens jetzt sollte klar sein, wie groß meine Angst vor dem Fliegen tatsächlich war. Manchmal weiß ich nicht, ob ich mutig oder doch nur bekloppt bin.

Im Flugzeug quälen mich die gleichen Gedanken: „Warum, zum Teufel, muss ich immer solche Sachen machen? Warum musste ich diese blöden Tickets kaufen? Ich könnte jetzt entspannt meine Bücher lesen und alles wäre gut!

Meine Schimpftirade wird durch das gereichte Essen unterbrochen.

Es riecht nicht gut.

Gar nicht gut.

Nicht nach meinem Geschmack. Lammfleisch mit Kuskus, Bohnen und undefinierbarer Tomatenpampe. Dazu ein Obstriegel mit einer Jahresportion an Zucker. Weißbrot mit Butter gibt es auch. Ich muss dringend etwas essen. Das tue ich. Schmeckt nicht, aber ich esse.

Flughafen Moskau

Nach drei Stunden und ein paar Minuten landen wir in Moskau. Die Tragflächen sind noch dran. Wir sind nicht abgestürzt. Niemand klatscht. Finde ich gut.

Denn mein Gehör ist jetzt schon überreizt. Zum Glück hatte ich sehr gute Nachbarinnen. Es waren zwei etwas ältere Damen, die sich beinahe gar nicht unterhielten. Wahrscheinlich hatten sie sich bereits alles gesagt. Mir soll`s recht sein.

Als ich das Flugzeug verlasse, bin ich kurz geneigt, den festen Boden unter meinen Füßen zu küssen. Kann mich aber beherrschen. (Ironie)

Endlich im Flugzeug

Ich bin so glücklich, nicht mehr in der Luft zu sein. Meine Hände zittern. Ein Zeichen von zu viel Adrenalin und einer Unterzuckerung.

Mein Adrenalinpegel kommt aber gar nicht runter, denn einige Minuten später stehe ich im Moskauer Flughafen.

Ach. Du. Meine. Güte!!

Ist der groß!

Flughafen

Ich kann zwar russisch lesen, verstehe aber die Bedeutung der Wörter nicht.

Mein Russisch ist viel miserabler als ich dachte.

Auf der Tafel stehen Wörter. Und ich habe keine Ahnung, was sie bedeuten.

Auf einer Tafel steht „Ausgang“, „Transit“ und noch viel mehr. „Weiterreise“ oder Ähnliches steht nirgends.

Ich bin so entsetzt, dass ich rein gar nichts verstehe. Alle Passagiere sind bereits fort. Ich bin allein. Es gibt nur eine kleine Tür. Auf dieser steht “Grüner Korridor“. Die Tür ist tatsächlich grün.

Soll ich da durch? Warum ist die Tür grün?

Meine Rettung

Eine uniformierte Frau kommt auf mich zu. Offensichtlich ist mein Verhalten sehr auffällig. Ich weine fast vor Angst und Erleichterung. Sage etwas wie: „Ich weiß nicht wohin. Bitte helfen.“ Unter Stress kann ich nur schlecht oder gar nicht sprechen. So bin ich froh, dass ich diese Worte herauspressen kann.

Die Dame erklärt mir geduldig, dass hinter der grünen Tür eine Kofferkontrolle stattfindet.

Ich habe aber gar keinen Koffer, sage ich weinerlich. Ich fliege doch weiter.

Die Frau nickt, dann gehen Sie doch einfach links vorbei.

So einfach ist das.

Einfach links vorbei.

Die Uniformierte erklärt mir den Begriff „Transit“ und meint, ich solle mich an dieses Wort halten. "Transit" bedeutet so etwas wie Weiterreise. Ein Wort, das ich vermisst habe.  

Weiter geht`s

Ich gehe an der Kofferkontrolle links vorbei. Werde nicht angehalten.

Meine Hände klammern sich an meine schwarze Handtasche.

Wieder Schlangen, wieder Schleusen, wieder irgendwelche Kontrollen.

Oben leuchten die Aufschriften: Bürger der russischen Föderation und übrige Bürger.

Gut, ich müsste die Übrige sein. Also stelle ich mich an. Ziemlich schnell bin ich dran.

Die Beamtin schaut sich mein Bild im Reisepass an. Guckt mich an. Dann wieder das Bild. Ich versuche zu lächeln. Ja, das funktioniert. Sie stempelt etwas ab und winkt mich durch.

Ich lande in einer Halle. Diese ist sehr, sehr voll.

Ich will nach Hause. Sofort. Ich schaue zu Boden. Versuche mich zu sammeln.

Menschen sprechen alle möglichen Sprachen. Sie lachen, unterhalten sich. Kinder weinen, rennen umher. Und alle paar Sekunden kommt irgendeine Ansage. Laut. Alles ist laut. Ich bin so müde. Mag nicht mehr reisen. Will nach Hause.

Plan C  

Auch der nächste Flug verspätet sich um 40 Minuten. Noch über 4,5 Stunden zum „totschlagen“. Ich gehe in die einzige menschenleere Ecke und setze mich auf den Boden. Schaue nur runter. Ich darf diese Menschenmenge nicht sehen.

Ich stelle mir auf dem Boden einen roten Punkt vor. Ich gucke so lange darauf, bis ich mich beruhigen kann. Und tatsächlich, ich werde ruhiger.

Ein Plan muss her. Im Kopf schreibe ich eine To-Do-Liste. Diese sieht wie folgt aus:

  1. Gucken, wo genau ich nachher raus bzw. durch muss
  2. Fragen, ob es die richtige Richtung ist
  3. Geld am Automaten abheben. Denn ich habe keine russischen Rubel dabei
  4. Koffeinhaltiges Getränk kaufen
  5. Essen
  6. Platz zum Sitzen finden

Meine Listen üben eine magische, beruhigende Wirkung auf mich aus. Einen Plan zu haben, beruhigt mich soweit, dass ich handeln kann.

Punkte 1 bis 4 sind schnell erledigt. Jetzt muss ich dringend etwas essen. Meine Hände zittern stark, mir ist schwindelig. Da ich mich in dem Gebäude nicht auskenne, weiß ich nicht, dass ich die Etage verlassen bzw. wechseln darf.

Eine Etage tiefer ist nämlich ein herrliches Cafè mit superleckerem Essen. Aber das weiß ich ja noch nicht.

Ich kaufe ein Menü bei dem ersten Schnellrestaurant, das ich finde. Das Essen ist, sanft ausgedrückt, noch unleckerer als im Flugzeug.

Ich picke mir ein paar Gurken und Salatblätter heraus und werfe den Rest in den Müll.

Mein Sitzplatz

Endlich sitze ich.

Reisetagebuch

Der Platz ist sogar so frei, dass ich rechts und links niemanden sitzen habe. Habe drei Sitze für mich allein. Meine Ohrstöpsel kommen zum Einsatz. Endlich kann ich einige klare Gedanken fassen.

Das Koffein und das Bisschen Essen tun mir gut.

Ich versuche, meinen Gemütszustand zu analysieren.

Zwei Sachen empfinde ich als besonders schlimm:

  1. Ich weiß nicht, was auf mich zukommt. Diese Leere saugt mir die Kraft weg. Der Ablauf ist für mich unbekannt. Ich würde gerne wissen, was kommt. Verstehe aber, dass es momentan nicht möglich ist.
  2. Der Lärm. Die Menschen verursachen so viel Lärm. Sie bewegen sich. Sprechen und schreien durch die Halle. Die Ansagen. Die Reinigungsmaschinen. Alles kommt mir so laut vor. Meine starke Müdigkeit scheint den Lärm subjektiv noch zu verstärken.

Die nächsten 2 Stunden wechsle ich immer wieder die Position. Ich gehe in der Halle spazieren und versuche, mir alles zu merken. Auf dem Rückflug werde ich wieder hier sein.

Kurz vor dem Abflug setze ich mich direkt vor den „Check-In“ und warte, bis ich rein darf.

Bilder: eigene; pixabay.com/de

User: MichaelGaida; Pexels;Free-Photos

Click Here to Leave a Comment Below 0 comments

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst Du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen