10. Tag der Tränen oder was? – Reisetagebuch

Nach dem guten Frühstück ziehe ich wieder los. Bin viel zu warm angezogen. Das Wetter wechselt ständig.

Heute bin ich auf der Suche nach der Bibliothek, in der ich die schönste Zeit meiner Kindheit verbracht habe.​ Meine Mutter arbeitete dort viele Jahre als Bibliothekarin.

Ich gehe zu Fuß. Zum Glück ist die Stadt nicht so groß, wie ich sie in Erinnerung habe. Ich könnte den Bus nehmen. Oder Taxi. Beides ist sehr günstig.

Aber ich kann nicht. Da steht mir mein Autismus im Weg. Ich muss ganz genau wissen wie etwas funktioniert. Wie bestelle ich ein Taxi? Warum wird man von der Zentrale zurückgerufen und wann?

Bei dem Bus das Gleiche. Es sind ​zu viele. Ich weiß nicht, welchen ich nehmen muss. Wie heißt das Ziel? Wo im Bus muss ich einsteigen? Vorne oder hinten? Und, und, und. Außerdem gibt es an keiner einzigen Bushaltestelle einen Ticketautomaten. Wo bekomme ich die Tickets her? Das ist zu viel für mich. Lieber gehe ich zu Fuß. Da ist alles klar.

Zuerst entdecke ich den Park. Er ist wunderschön. Gepflegt, mit schönen Blumen und einladenden Bänken. Ein Mahnmal steht dort. Hinter dem eisernen Soldaten ist eine gewaltige Tafel angebracht. Auf der Tafel hunderte Namen von Menschen, die ihr Leben im Zweiten Weltkrieg gelassen haben. Mir laufen die Tränen. Auch später beim Schreiben.

Parkanlage - Reisetagebuch

Von der Bibliothek keine Spur. Ich laufe an mehreren herunter gekommenen Gebäuden vorbei. Passanten haben von der Bibliothek nie etwas gehört. Ich gebe resigniert auf. Setze mich an die Bushaltestelle und starre auf die Stufen vor mir.

Die Stufen kommen mir bekannt vor. Langsam gehe ich die Stufen herunter und erkenne sie. Dieses Skelett, diese grauen, kaputten Wände… Das ist sie! Das ist die einst stolze, mit prächtiger Verglasung versehene, Bibliothek.

Ich gehe rein.

Ein Desaster.
Löcher in den Wänden. Der ehemals stolze, leuchtende Raum ist durch kioskartige Kästchen verunstaltet. Es sind Mini-Büros. Agenturen in kleinen Containern. Mitten im Raum. Ich bin entsetzt. ​

Bibliothek - Reisetagebuch

Da ich filme, werde ich gleich angesprochen. Ich trockne meine Tränen und erkläre die Absicht. Die Dame hat den Verfall der Bibliothek nicht mitbekommen. Sie lebt noch nicht lange in dieser Stadt. Die Glückliche.

In dem Gebäude gab es ​früher ein Kino. Mit Szene und Kulissen. Die Dame wisse davon nichts. Einige Minuten später mache ich ein Foto. Eine ungepflegte Tür mit einer eisernen Tafel. Auf dieser steht „Szene“. Dahinter nichts… Nichts, das mich aufmuntert.

Szene - Reisetagebuch

​Mit schwerem Gefühl gehe ich raus. Einige Minuten lang muss ich durchatmen. Das ist schwer. Und unverständlich. Diese Skelette von Gebäuden stehen überall herum. Im Inneren wird getüftelt, repariert und erneuert. Aber das Äußere wird vernachlässigt. Die Häuser sehen von außen hässlich, kaputt und verlassen aus. Das macht mich etwas schwermütig.

Abends bin ich bei meiner ehemals benachbarten Familie eingeladen. Es gibt Schaschlik. Ich ringe mit mir. Sage aber zu. Es ist schwer für mich, wenn man wegen mir so viel Aufwand betreibt.

Bevor ich zu der Familie fahre, möchte ich mein altes Haus von innen sehen.

Eine Schachtel Pralinen nehme ich als Bestechung mit. Falls die neuen Besitzer mich nicht reinlassen möchten.

Das ist nicht nötig. Die Besitzerin lässt mich rein. Erkennt mich sogar. Meine Erinnerungslücke macht sich wieder bemerkbar. Ich kenne die Frau nicht. Noch nie gesehen.

Als ich durch das Haus gehe, zittern mir die Knie.

Innen ist alles anders. Tapeten, Türen, Fliesen, Möbeln. Alles. Draußen aber ist es wie durch einen Knopfdruck gespeichert. Alles ist so wie ich es in Erinnerung habe. Die gleichen Farben, der gleiche Zaun, der gleiche Hofbelag.

Mein Herz schlägt schneller. Mir ist das zu viel. Die Dame meint es gut und spricht ununterbrochen mit mir. Ich aber stehe kurz vor einem Heulkrampf. Kann nicht mehr sprechen. Der Sohn der Familie, bei der ich abends eingeladen bin, rettet mich. Spricht für mich. Bedankt sich. Ich muss hier raus. Schnell.

Mein altes Haus - Reisetagebuch

Mein jetziges Haus hat ungefähr die dreifache Größe. Aber bei weitem nicht so viel Geschichte wie das alte Haus.

Immer wieder gerate ich in Situationen, die mich gefühlsmäßig überfordern. Da höre ich auf zu sprechen. Bekomme keinen Ton mehr heraus. An diesem Tag bin ich froh, nicht allein zu sein. Froh, dass jemand für mich spricht.

Die Dame ist so nett, so herzlich. Sie verabschiedet mich mit den besten Grüßen und einem Geschenk. Ich muss wieder beinahe weinen. Mit was habe ich diese Herzlichkeit „verdient“?

Der Abend ist genauso herzergreifend. Die ehemaligen Nachbarn sind nett, herzlich und gastfreundlich. Als ich gehe, muss ich jeden einzeln drücken und schon wieder weinen. An diesem Abend kann ich lange nicht einschlafen.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst Du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen